„Alle, die mit der kommunistischen Regierung nicht zufrieden sind und sich gegen das Unrecht, das so vielen Menschen geschieht, hörbar aussprechen, sind besonders der Verfolgung ausgesetzt, da sie das schöne Bild von der harmonischen Gesellschaft zerkratzen“, erklärt Pater Anton Weber SVD, Direktor des katholischen China-Zentrums in St. Augustin gegenüber der NEUEN BILDPOST.
Offenbar versucht das Regime kurz vor den Spielen, die Menschen verstärkt einzuschüchtern: „Davon sind natürlich auch Gläubige, Bischöfe und Priester betroffen“, sagt China-Experte Michael Ragg von Kirche in Not. China wolle sich bei der Olympiade perfekt inszenieren. Da passten kritische Stimmen, die auf Missstände hinweisen, nicht ins Konzept – ob Bürgerrechtler oder Christ. „Der Staat weiß genau, was er will – und was er verhindern will“, berichtet Ragg, der erst vor kurzem China bereiste. So würden immer wieder Bischöfe und Priester „zur Abschreckung einkassiert“: zum Verhör abgeführt, aus der Stadt verwiesen oder gar inhaftiert.
Auch Katharina Feith vom China-Zentrum bestätigt: „Der offizielle Druck auf die Christen ist deutlich spürbar.“ Das bedeutet eingeschränkte Reisefreiheit, Kontrollen, ständige Überwachung und Abhöraktionen – in bestimmten Fällen auch Verhaftungen. Jene Christen, die als kritisch gelten und ins Visier geraten sind, könnten „kaum vertrauliche Gespräche“ führen. Trotz dieser Einschränkungen, so Feith, blühe das kirchliche Leben, und das Interesse am Christentum nehme zu. Obwohl seit über einem halben Jahrhundert die Kommunisten herrschen, stieg die Zahl der Katholiken von etwa drei Millionen auf 15 Millionen, die Zahl der Protestanten von einer auf fast 80 Millionen.
„Die Behörden wissen genau, wer zu den kritischen Geistern zählt“, sagt Michael Ragg. Wer sich in der Untergrundkirche bewege, sei ohnehin „besonders verdächtig“ und „illegal“. Und „Katholiken im Untergrund gelten prinzipiell schon als Feinde des Volkes, da sie sich der Kontrolle der Regierung entziehen“, weiß Pater Weber: „Dass im Zusammenhang mit Olympia die Behörden mit Skepsis gerade auf diese ,feindlichen Elemente‘ schauen, dafür gibt es konkrete Hinweise.“ Informationen über von der Regierung erstellten und als „diskret zu behandelnden“ Richtlinien und „eine schwarze Liste“ sind durchgesickert: Personen und Organisationen, die um die Teilnahme an den Spielen ansuchen, sollen „einer besonderen Untersuchung“ unterworfen und gegebenenfalls an dem Besuch oder der Teilnahme gehindert werden.
Noch stärker als die Katholiken scheinen die evangelikalen Christen vom „Durchgreifen für Olympia“ betroffen zu sein: „Wir erleben derzeit eine regelrechte Angriffswelle gegen Christen“, sagt Markus Rode, Deutschland-Leiter von Open Doors. Das Hilfswerk berichtet von einer „systematischen Verfolgung der Hausgemeindechristen“. Im Vorfeld von Olympia habe die Regierung bei der Umsetzung einer Anti-Missions-Kampagne viele Hausgemeinden geschlossen. Aus Sicherheitsgründen musste das Hilfswerk jetzt einige Aktivitäten einstellen.
Pater Weber nimmt an, dass die Behörden im Zusammenhang mit der Olympia-Vorbereitung „nervöser reagieren als sonst“. Die Welt knüpfte an die Olympiade in Peking große Hoffnungen, dass sich einiges zum besseren wenden würde. „Aber gerade dieser Traum von einer Verbesserung der Menschenrechtslage und von einer echten Religionsfreiheit scheint für viele mehr und mehr zu einem Albtraum zu werden“, analysiert er. „Die Hoffnungen auf eine merkliche Öffnung Chinas im Sinne einer Verbesserung der Menschenrechtslage haben sich nicht erfüllt.“ Einen Boykott der Spiele hält er dennoch nicht für hilfreich. „Man will Partei und Regierung abstrafen, aber man bestraft das ganze Volk.“ Ferner hätte man schon bei der Vergabe wissen müssen, dass der Traum von der einen Welt in Freiheit und Gerechtigkeit in einem kommunistischen System, wo am Ende die Gewalt „für Ordnung“ sorgt, und wo politischer Wandel nicht durch Olympische Spiele herbeigeführt werden kann, falsch platziert und übertrieben war.
Weil bei „Olympia made in China Milliarden ohne Menschenrechte“ seien, müssten die Spiele verlegt oder zeitlich verschoben werden, fordert Karl Hafen, Geschäftsführer der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Er kritisiert massiv, „dass das IOC sich ganz offiziell in die Propaganda Chinas einbinden lässt“.
Christian Soyke
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