Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Padre Pio erblickt das Licht der Welt

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glaubenslust – Der Tag


Padre Pio erblickt das Licht der Welt

München, am 23. April 2008. – Wie so oft in den letzten Tagen schwankt Italien auch heute wieder zwischen Ekstase und Entrüstung. Neun Tage ist es her, dass sich dieses wunderbar-widersprüchliche Land in einem seltenen Anfall von nationalem Masochismus erneut Silvio Berlusconi zu Füßen geworfen hat. Zwei Tage erst, seit der Luftfahrtriese Air France-KLM sein Kaufangebot für die komatöse italienische Fluglinie Alitalia zurückgezogen hat. Und nun richtet sich der Blick lustvoll nach San Giovanni Rotondo. San Giovanni Rotondo?

Das Städtchen in den apulischen Bergen ist nach Guadelupe der meistbesuchte christliche Wallfahrtsort der Welt, noch vor Lourdes und Fatima. Das liegt an Padre Pio, der hier vor 40 Jahren gestorben ist und im Jahre 2002 heilig gesprochen wurde. San Giovanni Rotondo profitiert gewaltig von der Verehrung des geheimnisumwitterten Kapuzinermönchs: Auf 2,8 Einwohner des 25.000-Einwohner-Städtchens kommt ein Hotelbett.

Am morgigen Donnerstag nun wird der Leichnam Padre Pios das Licht der Welt erblicken. Mit einer Wachsmaske über dem skelettierten Gesicht wird der Heilige in einem Glassarg in der Kirche „Santa Maria delle Grazie“ öffentlich ausgestellt, ein Jahr lang vielleicht, bevor er schließlich in einer von Stararchitekt Renzo Piano entworfenen Mammutkirche seine, nun ja, ewige Ruhe finden soll. 800.000 Menschen haben sich bereits für einen Besuch angemeldet, aber ebenso groß ist der Aufschrei jener, die den Wunsch des Toten respektiert sehen möchten: „Meine Knochen sollen in einem ruhigen Winkel dieser Erde ruhen.“ Es ist weiter nicht verwunderlich, dass man mit Zitaten aus der Heiligen Schrift Argumente für beide Seiten findet. Am Ende bleibt dieses: Man muss einen Heiligen nicht sehen, um sich seiner Fürsprache zu versichern. Man muss einen Heiligen nicht sehen, um zu glauben. Aber man muss einen Heiligen sehen, damit die Geschäfte in einem florierenden Wallfahrtsort auch künftig garantiert sind. Auf den einzig verbliebenen Wunsch für Padre Pio müssen die meisten Verstorbenen nicht 40 Jahre lang warten: Ruhe in Frieden.

Und sonst so, bei uns zum Beispiel? Wir waren ja wieder einige Tage lang im Benedikt-Fieber: UNSER Papst war in Amerika. UNSER Papst hatte Geburtstag. UNSER Papst ist nun seit genau drei Jahren Heiliger Vater. Jetzt ist wieder Alltag, und in dieser post-papalen Depression freuen sich Pilger in der norddeutschen Diaspora darüber, dass sie mit der feierlichen Eröffnung des Jakobsweg-Teilstücks von Lübeck nach Wedel nun an die Magistrale nach Santiago de Compostela angebunden sind. Im Zuge des Hape-Hypes begeistert sich Fred Hasselbach von der St.-Jakobus-Gesellschaft: „Die komplette Strecke nach Santiago ist nun durchgehend begehbar.“

Währenddessen kündet die Nachrichtenagentur dpa von einem Wirrwarr um die vor uns liegenden Feiertage. Der Pfingstsonntag falle ja in diesem Jahr mit dem Muttertag zusammen und Christi Himmelfahrt mit dem Tag der Arbeit. Obwohl diese äußerst seltenen Dopplungen in den vergangenen Monaten zu Irritationen bei Kalenderherstellern, Blumenverkäufern und Kirchenvertretern geführt haben, neigen wir Deutschen – im Gegensatz zu Italienern – ja weder zur Ekstase noch zur Entrüstung. Das beweist DGB-Sprecherin Claudia Falk, um Ausgleich in dieser brisanten Debatte bemüht: „Wer in die Kirche möchte, kann meist anschließend noch zur Mai-Demo gehen.“

André Lorenz

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