Benedikt, der Analyst
Die Finanzmärkte sind heute so kompliziert geworden, dass sie niemand mehr durchschaut, heißt es. Niemand? Stimmt nicht. Oswald von Nell-Breuning, Nationalökonom, Sozialphilosoph und Jesuit, hat schon vor rund 50 Jahren im „Lexikon für Theologie und Kirche“ unter „Geld“ festgestellt, dass „viele, selbst Gebildete“ Geld für eine Sache halten.
Geld ist nichts als ein Tauschmittel ohne Eigenwert
Diese Sache haben sie an der Wallstreet aufzutürmen versucht. Das geht aber nicht, weil Geld nichts als ein Tauschmittel ohne Eigenwert ist. Es ist sehr praktisch, solange es Kleider, Autos oder Häuser gibt, die man dafür kaufen kann. Wenn jedoch nur noch „Finanzderivate“ und ähnliches dafür eingetauscht werden können, dann stehen die Besitzer bald im kurzen Hemd da. Das Geld löst sich in Luft auf. Das weiß eigentlich jeder.
Warum machen hochbezahlte Analysten solche Anfängerfehler? Weil sie nicht auf die Analyse des Papstes hören. Der hat auf seiner Frankreichreise extra noch über Geld gesprochen. Während sich da manche in ihren Glastürmen an den Finanzplätzen noch reich an Scheinen wähnten, klärte Benedikt XVI. sie nüchtern über „das Reich des Scheins“ auf, in das sie sich verirrt hatten.
Wer Tipps zu langfristigen Wertanlagen sucht, ist mit der Bibel gut beraten
Woher der Papst so gut Bescheid weiß über die Finanzwelt, hat er auch verraten. Hat er nämlich in einem Brief gelesen. Paulus von Tarsus schreibt dort an einen gewissen Timotheus, dass die Geldgier die Wurzel aller Übel sei. Nicht, weil der liebe Gott was gegen Geld hat, sondern weil diejenigen, die nur reich werden wollen, „sich selber viele Qualen bereiten.“
Damit hat er die Lage von Tausenden Angestellten der zusammengebrochenen Bankhäuser recht treffend beschrieben. Nun muss man natürlich drauf kommen, in den richtigen Briefen nachzuschauen, und nicht in den Finanzbriefen selbsternannter Experten. Aber dafür gibt es ja die christliche Botschaft, dass alle wissen können: Wer Tipps zu langfristigen Wertanlagen sucht, ist mit der Bibel gut beraten.
Joachim Rogosch