Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Perverse Peepshow

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Montag, 21. Mai 2012 Hermann Joseph , Erenfrid
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glaubenslust – Der Tag

Die letzte Ehre erweisen

Gregor Schneider ist kein Kind von Traurigkeit. Der Künstler produziert sich und provoziert andere. Das Tabubrechen ist für ihn normal. Nun sind Tabus natürlich nicht grundsätzlich unantastbar. Es gibt durchaus gute Gründe, bestimmte Grenzen zu überschreiten. Die Grenze, die Schneider nun allerdings im Blick hat, ist tatsächlich unantastbar: Es ist der Mensch als Mensch selbst.

Tod im Museumssaal

Schneider hat mit folgendem Plan für Empörung gesorgt: Er will ihm Rahmen einer Kunstaktion einen Sterbenden aus zu stellen. Die Besucher sollen dem Menschen beim Dahinscheiden zusehen. Sie sollen dabei sein, wenn ihn das Leben verlässt, er mit dem Tod ringt. Wenn der Sterbende vor Angst in das Bett macht, wenn er plötzlich erkennt, dass es zu Ende geht, wenn er vor Verzweiflung nach der Mutter ruft, obwohl er gerade noch ganz ruhig war: All das sollen wildfremde Menschen miterleben. Schneider will den Tod als perverse Peepshow inszenieren.
Die Begründungen des Mönchengladbachers sind so stereotyp wie dumm: Er will dem Sterben den Schrecken nehmen, auf Missstände in den Krankenhäusern aufmerksam machen, die Menschen zur Auseinandersetzung mit dem Tod zwingen. Worthülsen. Nichts als zynische Worthülsen.

Wenn Gregor Schneider im Interview sagt: „Die Auseinandersetzung mit dem Tod, wie ich sie plane, kann uns den Schrecken vor dem Tod nehmen“, dann ist das dreiste Augenwischerei. Denn entweder wird der Tod so inszeniert, dass keine Schrecken zu erkennen sind. Dann aber stellt sich nicht die Frage nach der Konfrontation, denn es wird ein Sterben gezeigt, wie es leider vielen Menschen nicht vergönnt ist. Um es hart zu sagen: Der Realitätsfaktor liegt in diesem Fall bei Null. Leidet der Sterbende aber, was im Vorfeld selbst bei bester psychischer Verfassung nie ausgeschlossen werden kann, da der Tod naturgemäß eine völlig unbekannte Erfahrung ist, wird Schneider schwerlich den Besuchern den Schrecken nehmen können. Im Gegenteil: Wer einmal einen Menschen hat dahinscheiden sehen, der nicht loslassen wollte, der vor Panik schrie, wird diese Bilder nur sehr schwer vergessen. Und sicherlich nicht entspannt daran denken, wenn er sich selber mit dem Thema Tod beschäftigt.

Gruselfaktor statt Aufklärung

Schneider will sich hier nicht als edler Aufklärer betätigen. Er zielt auf einen widerlichen Gruselfaktor ab und erinnert so an Filme wie „Hostel“ – einen Schocker, der von Menschen handelt, die anderen gerne beim Sterben zusehen. Schneider plant ein reales Snuff-Video, nur dass es sich bei dem Mönchengladbacher nicht um einen Mord im dunklen Keller, dafür aber um eine Live-Inszenierung in einem offiziellen Museum handeln soll. Und über all das hängt Schneider das Deckmäntelchen der Aufklärung und Auseinandersetzung.
Keine Frage: Die Konfrontation mit dem Tod und dem Leiden ist wichtig. Papst Johannes Paul II. hat uns das eindrucksvoll vorgelebt. Und wenn man will, kann man durchaus sagen: Wir haben dem Papst beim Sterben zugesehen. Wer seinen verzweifelten Versuch, den Ostersegen zu spenden, sah, wusste in diesem Augenblick endgültig: Wir erleben gerade die letzten Momente von Papst Johannes Paul II.

Das Sterben ist ein sehr intimer Moment

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Der polnische Papst war in seinem letzten Augenblick für sich. Die Intimität des Hinübergehens blieb gewahrt. Johannes Paul II. hatte einen engen Kreis um sich. Ihm und seinen liebsten Menschen gehörte dieser letzte, unglaublich intime Moment. Bei Schneiders Sterbenden wäre das völlig anders. Der Tod würde nicht ihm selber gehören. Sondern dem Museum, den Besuchern, Gregor Schneider.

Es würde sich um eine Verzweckung des Menschen handeln bis in seinen letzten Moment hinein. Es wäre die völlig Bloßstellung der Verwundbarkeit und Verletzlichkeit einer Person, die sich nicht mehr dagegen wehren kann. Abgesehen davon: Wie sollen sich die Besucher verhalten, wenn der Tod eingetreten ist? Sollen sie Fotos machen und für eine gelungene Darbietung applaudieren? Oder wäre es angebracht, kurz betreten zu schweigen und dann weiter zu ziehen zu Gemälden und anderen Statuen.

Man muss hier nicht den Moralapostel spielen und sagen: Das ist böse, das tut man nicht. Man muss den aufgeklärten Christen beweisen und sagen: Das darf man nicht. Und mehr noch: Es wird sich vielleicht jemand für diesen Wahnsinn opfern. Doch selten hatte der Zuschauer so viel Macht: Ohne Besucher verliert das Ganze selbst seinen perversen Sinn. Allein durch das Fernbleiben können wir das tun, was Schneider nicht tut: dem Sterbenden die letzte Ehre erweisen.

Simon Biallowons


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