Im Verfahren der Seligsprechung Papst Pius XII. hat Benedikt XVI. nun eine wichtige Hürde genommen. Er hat das "Dekret über die heroischen Tugenden" unterschrieben. Können Sie uns das übersetzen?
Das Dekret erklärt, dass ein Katholik die theologischen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung, auch aber die Kardinaltugenden wie Gerechtigkeit und Tapferkeit auf eine Weise gelebt hat, die das „normale“ Maß weit überschreitet. Dies muss seine ganze Aktivität betreffen, nicht nur sein privates Gebetsleben, wie jetzt in den Medien oft missverständlich dargestellt.
Sie waren der Relator in dem Verfahren. Was heißt das?
Der Relator übernimmt die Rolle eines Untersuchungsrichters, er bildet eine völlig autonome und unabhängige Instanz. Man trägt die Verantwortung direkt dem Papst gegenüber, ist also sozusagen überparteiisch. Ich hatte 70 bis 80 Verfahren zu bearbeiten, das um Pius XII. ist eines der bedeutendsten. 20 Jahre lang wurden mit hochqualifizierten Historikern und Gelehrten aus aller Welt in mehreren Instanzen vor allem jene Dinge genauestens geprüft, die heute so kontrovers diskutiert werden. Das Resultat ist die Positio, ein sechsbändiges Werk, das auf 3.500 Seiten Hunderte relevante Dokumente und Namen enthält, meine Arbeit als Relator war damit abgeschlossen.
Sie deuten die kontroversen Diskussionen an. Der schwerwiegende Vorwurf: Pius XII. habe trotz zahlreicher Bitten zum Holocaust geschwiegen. Viele behaupten, die Sachlage sei auch heute nicht ausreichend geklärt und man hätte zumindest noch die vollständige Öffnung der Geheimarchive des Vatikans abwarten sollen.
Das kann ich klar verneinen. Jede Schwäche, die mir nicht gelöst erschienen wäre, hätte neue Untersuchungen gefordert. Doch ich kann Ihnen sagen: Im Fall von Pius XII. ist die Sache sehr klar.
Also ist die Titulierung "Schweigepapst" ungerechtfertigt?
Dass er geschwiegen hätte, ist falsch. Berühmt ist ja etwa seine Weihnachtsbotschaft im Radio von 1942: Die Menschen seien verpflichtet, nicht mehr zuzulassen, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft und Rasse umgebracht würden. Nicht nur die Nazis haben kapiert, dass der Papst damit klar Stellung gegenüber allem bezieht, wofür sie einstanden, sondern auch die freie Welt: Ich habe viele Untersuchungen anstellen lassen in mehreren amerikanischen Bibliotheken, wo in jüdischen Zeitschriften belegt ist, dass dort nur Lob gefunden wurde, weil er nicht geschwiegen, sondern alles getan hatte, um Juden zu helfen.
Es heißt aber, er hätte auf zahlreiche Bitten nicht reagiert.
Alles, was er getan hat, muss man vor dem Hintergrund sehen, was damals überhaupt machbar war. Viele können sich heute nicht mehr vorstellen, was es überhaupt bedeutet, in einer Diktatur zu leben. Bitten langten beim Papst vor allem darüber ein, er möge nicht über die Lage der Juden sprechen, da dies alles nur noch schlimmer gemacht hätte. Er hat sich das in allem Ernst überlegt, und er war sich völlig im Klaren darüber: Ich würde in der Nachwelt groß dastehen, wenn ich permanent die Stimme erhebe, aber: Das würde viele Menschenleben kosten, für die ich die Verantwortung trage.
Doch als Papst hatte er vermutlich vielfältige Möglichkeiten, etwas auszurichten.
In aller Stille hat er getan, was er tun konnte. Bis zu 5.000 Juden wurden nachweislich auf seinen Befehl hin gerettet, weil die katholischen Häuser in ganz Rom ihre Pforten öffneten und sie unter Lebensgefahr aufnahmen. Er besorgte Tausende Visa, damit Juden ausreisen konnten, etwa nach Brasilien. Die Liste lässt sich lang fortsetzen. Der jüdische Autor Sir Martin Gilbert, der vermutlich beste Kenner des Holocaust, hat hier auch klar Stellung bezogen – wie übrigens viele jüdische Politiker zur Zeit Pius XII. und andere jüdische Historiker: Der Papst hätte alles getan, was damals vernünftig gewesen wäre, und habe so Hunderttausenden das Leben gerettet. Die Außenministerin Israels, Golda Meir, sagte: Er ist derjenige, der für uns eingetreten ist, und das werden wir ihm nie vergessen. Es gab damals auch kaum eine jüdische Organisation, die ihm nicht gedankt hätte, ganz zu schweigen von Hunderten einzelnen Juden. All diese Fakten sind da, aber sie werden heute von vielen ignoriert.
Prinzipiell habe ich Ehrfurcht vor der Würde jeder Person, aber wenn er das wirklich so gesagt hat, dann bedeutet das ja, wir Katholiken würden eine falsche Geschichte schreiben wollen. Ich möchte gerne einmal wissen, ob er je in den Archiven war, die inzwischen bis Februar 1939 bereits einsichtig sind. Er hat hier Einblick in eine Reihe von Dokumenten, die das mutige Eintreten für Juden durch Pius XII. belegen, schon als er noch Nuntius und später Staatssekretär war.