Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: "Pius XII. hat nicht geschwiegen"

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"Pius XII. hat nicht geschwiegen"


Umstrittener Papst wird selig

"Pius XII. hat nicht geschwiegen"

Benedikt XVI. hat vor wenigen Tagen eine entscheidende Hürde im Verfahren der Seligsprechung Pius XII. genommen – und damit sowohl Begeisterung als auch Protest ausgelöst. Gerade von jüdischer Seite kommt scharfe Kritik: Dem Pacelli-Papst wird vorgeworfen, er habe nicht laut genug gegen die Vernichtung der Juden im Zweiten Weltkrieg protestiert. Einer, der sich mit Person und Wirken Pius XII. befasst hat wie wohl kein anderer, ist der Relator des Verfahrens, Pater Peter Gumpel SJ

 

Foto: Wikipedia

Im Verfahren der Seligsprechung Papst Pius XII. hat Benedikt XVI. nun eine wichtige Hürde genommen. Er hat das "Dekret über die heroischen Tugenden" unterschrieben. Können Sie uns das übersetzen?

Das Dekret erklärt, dass ein Katholik die theologischen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung, auch aber die Kardinaltugenden wie Gerechtigkeit und Tapferkeit auf eine Weise gelebt hat, die das „normale“ Maß weit überschreitet. Dies muss seine ganze Aktivität betreffen, nicht nur sein privates Gebetsleben, wie jetzt in den Medien oft missverständlich dargestellt.

Sie waren der Relator in dem Verfahren. Was heißt das?

Der Relator übernimmt die Rolle eines Untersuchungsrichters, er bildet eine völlig autonome und unabhängige Instanz. Man trägt die Verantwortung direkt dem Papst gegenüber, ist also sozusagen überparteiisch. Ich hatte 70 bis 80 Verfahren zu bearbeiten, das um Pius XII. ist eines der bedeutendsten. 20 Jahre lang wurden mit hochqualifizierten Historikern und Gelehrten aus aller Welt in mehreren Instanzen vor allem jene Dinge genauestens geprüft, die heute so kontrovers diskutiert werden. Das Resultat ist die Positio, ein sechsbändiges Werk, das auf 3.500 Seiten Hunderte relevante Dokumente und Namen enthält, meine Arbeit als Relator war damit abgeschlossen.

Sie deuten die kontroversen Diskussionen an. Der schwerwiegende Vorwurf: Pius XII. habe trotz zahlreicher Bitten zum Holocaust geschwiegen. Viele behaupten, die Sachlage sei auch heute nicht ausreichend geklärt und man hätte zumindest noch die vollständige Öffnung der Geheimarchive des Vatikans abwarten sollen.

Das kann ich klar verneinen. Jede Schwäche, die mir nicht gelöst erschienen wäre, hätte neue Untersuchungen gefordert. Doch ich kann Ihnen sagen: Im Fall von Pius XII. ist die Sache sehr klar.

Also ist die Titulierung "Schweigepapst" ungerechtfertigt?

Dass er geschwiegen hätte, ist falsch. Berühmt ist ja etwa seine Weihnachtsbotschaft im Radio von 1942: Die Menschen seien verpflichtet, nicht mehr zuzulassen, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft und Rasse umgebracht würden. Nicht nur die Nazis haben kapiert, dass der Papst damit klar Stellung gegenüber allem bezieht, wofür sie einstanden, sondern auch die freie Welt: Ich habe viele Untersuchungen anstellen lassen in mehreren amerikanischen Bibliotheken, wo in jüdischen Zeitschriften belegt ist, dass dort nur Lob gefunden wurde, weil er nicht geschwiegen, sondern alles getan hatte, um Juden zu helfen.

Es heißt aber, er hätte auf zahlreiche Bitten nicht reagiert.

Alles, was er getan hat, muss man vor dem Hintergrund sehen, was damals überhaupt machbar war. Viele können sich heute nicht mehr vorstellen, was es überhaupt bedeutet, in einer Diktatur zu leben. Bitten langten beim Papst vor allem darüber ein, er möge nicht über die Lage der Juden sprechen, da dies alles nur noch schlimmer gemacht hätte. Er hat sich das in allem Ernst überlegt, und er war sich völlig im Klaren darüber: Ich würde in der Nachwelt groß dastehen, wenn ich permanent die Stimme erhebe, aber: Das würde viele Menschenleben kosten, für die ich die Verantwortung trage. 

Doch als Papst hatte er vermutlich vielfältige Möglichkeiten, etwas auszurichten.

In aller Stille hat er getan, was er tun konnte. Bis zu 5.000 Juden wurden nachweislich auf seinen Befehl hin gerettet, weil die katholischen Häuser in ganz Rom ihre Pforten öffneten und sie unter Lebensgefahr aufnahmen. Er besorgte Tausende Visa, damit Juden ausreisen konnten, etwa nach Brasilien. Die Liste lässt sich lang fortsetzen. Der jüdische Autor Sir Martin Gilbert, der vermutlich beste Kenner des Holocaust, hat hier auch klar Stellung bezogen – wie übrigens viele jüdische Politiker zur Zeit Pius XII. und andere jüdische Historiker: Der Papst hätte alles getan, was damals vernünftig gewesen wäre, und habe so Hunderttausenden das Leben gerettet. Die Außenministerin Israels, Golda Meir, sagte: Er ist derjenige, der für uns eingetreten ist, und das werden wir ihm nie vergessen. Es gab damals auch kaum eine jüdische Organisation, die ihm nicht gedankt hätte, ganz zu schweigen von Hunderten einzelnen Juden. All diese Fakten sind da, aber sie werden heute von vielen ignoriert.

Auf jüdischer Seite sorgte Benedikts XVI. Entscheidung diese Woche für heftige Kritik. Die katholische Kirche versuche, eine andere Geschichte zu schreiben, sagte etwa der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer. Benedikts XVI. Entscheidung erschwere den jüdisch-christlichen Dialog. Was meinen Sie dazu?

Prinzipiell habe ich Ehrfurcht vor der Würde jeder Person, aber wenn er das wirklich so gesagt hat, dann bedeutet das ja, wir Katholiken würden eine falsche Geschichte schreiben wollen. Ich möchte gerne einmal wissen, ob er je in den Archiven war, die inzwischen bis Februar 1939 bereits einsichtig sind. Er hat hier Einblick in eine Reihe von Dokumenten, die das mutige Eintreten für Juden durch Pius XII. belegen, schon als er noch Nuntius und später Staatssekretär war.

Pater Peter Gumpel SJ

Werden Sie auch persönlich angegriffen?

Ja, das passiert leider. Ich habe die Hitler-Zeit zum Teil in Deutschland miterlebt, mein Großvater wurde von den Nazis umgebracht. Es widerspricht daher jedem Anstand, mich auf eine solche Seite schieben zu wollen.

Während so einer Verfahrensdauer baut man unweigerlich auch ein persönliches Verhältnis zu der Figur auf, um die es geht. Wie ist Ihr Verhältnis zu Pius XII.?

Es gab viele persönliche Begegnungen zwischen ihm und mir. Ich kannte auch Johannes XIII., Paul VI., Johannes Paul II. und habe sie immer wieder auf ihren Wunsch hin beraten. Das ist nun natürlich subjektiv, aber von allen hat Pius XII. auf mich den größten Eindruck gemacht. Es war seine Freundlichkeit, auch seine Demut einem so jungen Priester wie mir gegenüber, seine Liebe zu den Menschen, seine große geistige Persönlichkeit. Er wird in der Öffentlichkeit reduziert auf die Zeit des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs, aber sein Wirken geht weit darüber hinaus. Seine Theologie hat den Weg bereitet für das Zweite Vatikanische Konzil, nach der Heiligen Schrift ist er in den Dokumenten des Konzils der meistzitierte Autor.

Litt er unter der öffentlichen Wahrnehmung seiner Person?

Wie gesagt, er hat die Konsequenzen für sein Nachleben klar vorausgesehen. Er hat sich aber seiner Verantwortung gestellt – sehr mutig, wie ich finde.

Wann können wir mit einer Seligsprechung rechnen?

Das lässt sich nicht vorhersagen. Dafür ist noch der kanonische Prozess nötig, in dem bewiesen wird, dass das Wunder, das uns bereits vorliegt, auf Pius’ XII. Fürsprache zurückgeht. Der entscheidende Schritt war aber tatsächlich die Unterzeichnung des Dekrets über die heroischen Tugenden. Wann das genau geschehen würde, wusste ich vorher nicht. Doch die Nachricht hat mich, wie Sie sich denken können, gefreut.

 

Interview: Antonia Groll (22.12.09)




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Die Kommentare der Liborius-User:


von Huber, Bernd

am Montag, 28. Dezember 2009

Warum hat der Vatikan geholfen, dass sich Faschisten - deutsche und italienische - ihrer Verantwortung nach dem zweiten Weltkrieg entziehen konnten? Auch einige Katholiken zählten zu ihren Opfern.

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von Günter Christoph Haase

am Donnerstag, 24. Dezember 2009

Ich freue mich über den Fortschritt im Blick auf die Seligsprechung von Pius XII und Papst Johannes II.
Ich hoffe, dass auch die kritischen Stimmen in der Erkenntnis und Freude vorankommen. Man kann Personen nicht nur nach einem Teil ihrer Biographie beurteilen, sondern muß das Ganze sehen. Für mich und die Kirche ist dieser weitere Schritt jedenfalls eine frohmachende Weihnachtsfreude. Pfr. Günter Christoph Haase
www.kath-ghf.de

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von Batel, Claudia

am Dienstag, 22. Dezember 2009

Dieser Artikel ist sehr gut, realistisch und aufklärend. Ich halte Pius XII. für einen heiligmäßigen Menschen. Was der Zentralrat der Juden einwendet ist nicht authentisch.
Heute wollen alle mitreden. Auch über Dinge, die sie nicht genau wissen. Hier tragen die Medien eine große Verantwortung. Sie verbreiten oft Halbwahrheiten, über die nie richtig recherchiert wurde.

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