Plätzchen an der Sonne
Früher war es so: Anfang Dezember backte Großmutter Plätzchen, die sie dann in Blechdosen in ihrem ungeheizten Schlafzimmer unter dem Bett verwahrte. Wer daraus noch vor Heiligabend etwas entnahm, musste dies beichten. Siebtes Gebot: „Du sollst nicht stehlen“, Unterabteilung „Naschen“. Diese unchristliche Anstachelung zur Sünde fiel dann in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts dadurch weg, dass die Adventszeit abgeschafft wurde. Seither wartet niemand mehr auf die Ankunft des Herrn. An die Stelle des Hinfieberns auf Heiligabend ist das Besäufnis von Belegschaften und Vereinen auf der „Weihnachtsfeier“ getreten.
Die Weihnachtsgebäck-Industrie reagierte darauf prompt und passend. Schokoladen-Lebkuchen und Spekulatius wurden nicht mehr Anfang Dezember angeboten, sondern bereits im November. Dann im Oktober. Dann im September. In diesem Jahr dann endlich bereits im August.
Weihnachten ist ja nicht nur Ende des Jahres relevant
Die theologischen Abteilungen der Lebkuchenhersteller haben sich bei der Terminausweitung natürlich etwas gedacht. Weihnachten ist ja nicht nur Ende des Jahres relevant. Durch die Menschwerdung Gottes werden wir so überreich beschenkt, dass wir das natürlich angemessen feiern müssen. Ungeschickt ist für altmodische Menschen nur, dass ab dem 27. Dezember dann nichts mehr von Weihnachten in den Läden wahrzunehmen ist. Wenn unsere rückständigen christlichen Kirchen endlich mit ihrer Weihnachtszeit beginnen, gibt es nur noch Silvesterkracher und Abendkleider zu kaufen.
Rein pädagogisch war übrigens die alte Aufteilung des Jahres in Zeiten der Erwartung und in Zeiten der Erfüllung gar nicht so übel. Warten und Verzicht erzeugen Spannung und Genuss. Wer immer schon hat, was er sich noch gar nicht wünschen konnte, empfindet Überdruss.
Doch keine Angst, es kommt alles wieder. Wenn die Lebkuchen-Vorverlegung weiter so voranschreitet, dann liegen im Jahr 2016 Christstollen wieder pünktlich zum 24. Dezember in den Regalen. Die für 2017 zwar, aber egal. Weihnachten ist Weihnachten.
Joachim Rogosch