Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Provozierender Professor

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glaubenslust – Der Tag

 

Provozierender Professor

„Das Leid ist der Fels des Atheismus.“ So formulierte es einmal Georg Büchner. Die Frage, weshalb ein guter, liebender und allmächtiger Gott so viel Leid zulasse, war für den Schriftsteller die stärkste Bastion des Unglaubens. Der Theologe Johann Baptist Metz dagegen zog ganz andere Konsequenzen aus der so genannten „Theodizeefrage“. Und zwar Konsequenzen, die ihn zu einem der wichtigsten und prägendsten Theologen des vergangenen Jahrhunderts gemacht haben. Zum Wegbereiter der neuen politischen Theologie. Zum Gegenspieler des heutigen Papstes und Ikone der Befreiungstheologie. Konsequenzen, die Metz nie von seiner Überzeugung abgebracht haben – und die er auch noch an seinem 80. Geburtstag unbeirrt verfolgt.

Nach Auschwitz konnte und kann die Theologie nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen

Leiden und Auschwitz: Diese Worte bieten gute Anhaltspunkte, um sich der Theologie des Johann Baptist Metz zu nähern. Der Friedensnobelpreisträger und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel hat zu diesem Thema einmal gesagt: „Der nachdenkliche Christ weiß, dass in Auschwitz nicht das jüdische Volk, sondern das Christentum gestorben ist.“ So weit ist Metz nie gegangen. Er stellt dem Christentum keinen Todesschein aus, hält aber ganz deutlich fest: „Wir kommen nie hinter Auschwitz zurück, über Auschwitz hinaus kommen wir nie mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz.“ Für Metz ist klar: Nach Auschwitz konnte und kann die Theologie nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen. Doch das Zitat drückt noch mehr über seine Theologie aus: „Mit den Opfern“ – genau darin sieht Metz den Auftrag, ja die einzige Berechtigung des Christentums. Metz streitet mit einer seltenen Radikalität und Vehemenz für das Mitleiden, die „compassion“. Das Christentum als Anwalt der Armen, als Option für die Leidenden bestimmt seine Gedanken. Es soll nicht nur Sprachrohr sein, Metz fordert vielmehr eine aktive Teilnahme. Die Religion kann sich nicht ins Private zurückziehen, sie muss politisch sein.

Diese Theologie ist mutig, progressiv, manchmal sogar provokativ-aggressiv. Und sie trug Metz von vielen seiner Glaubensbrüder massive Kritik ein. Während in Südamerika Anhänger der Befreiungstheologie jubelten, stöhnten Theologen in Europa gequält auf. Metz war ihnen zu revolutionär, sie befürchteten einen Missbrauch der Religion durch die Politik – eine Gefahr, die der Münsteraner Professor in ihren Augen allzu leichtfertig einging.

Steit mit Joseph Kardinal Ratzinger

Vor diesem Hintergrund verwundert es wenig, dass Metz mit einem anderen brillanten Denker aneinander geriet: Joseph Ratzinger verhinderte als damaliger Erzbischof 1979 eine Berufung Metz’ an die Münchner Universität. Für den verhinderten Neu-Münchner blieb das allerdings nur eine unschöne Randepisode, der streitbare Professor hielt an seinem Kurs fest. Ein Kurs, von bewundernswerter Konsequenz und gedanklicher Tiefe. Aber auch ein Kurs, der bisweilen von einer gewissen Resignation geprägt ist: „Die Toten von Auschwitz hätten alles verändern sollen. Nichts hätte dasselbe bleiben sollen in unserer Nation und in unseren Kirchen, besonders in unseren  Kirchen“ – für Metz bleibt manchmal nur der Irrealis.

Das mag zu einem Teil an dem Zentrum seiner Theologie liegen. Die Theodizeefrage ist und bleibt unlösbar. Das große Verdienst des Johann Baptist Metz ist, angesichts dieser Unlösbarkeit eben nicht zu verzagen, sondern stetig weiter zu denken und zu leben. Er treibt die „Theologie von unten“, wie sie sein Lehrer Karl Rahner einforderte, voran. Metz sucht nicht nach einem schnellen, oberflächlichen Ausweg. Sondern nach echtem Trost und wirklicher Stärkung. Ein Trost, der das Leiden und damit die Menschen selber sehr ernst nimmt: „Es gibt kein Leid in der Welt, das uns nichts angeht.“ Die Kirche müsse sich weniger um die Mächtigen dieser Welt scheren. Doch sie könne es sich nicht leisten, „von den Armen und Kleinen verachtet zu werden.“ Die Gequälten und Geknechteten, die Armen und Ausgeschlossenen, die Verzweifelten und Vergessenen: Sie sind sein Anliegen. Und deshalb ist Johann Baptist Metz ein großer Mann. Ein großer Mann, der unbeirrt für die Kleinen eintritt.

Simon Biallowons




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Die Kommentare der Liborius-User:


von david-ho-zehnter@gmx.de

am Montag, 4. August 2008

Herzlichen Dank für diesen wertvollen Kommentar,
denn beide Theologen zeigen, dass fruchtbare Auseinandersetzung in der Kirche sein kann. Daraus
erwächst Kirche neu seit Paulus und Petrus.
Wir dürfen beiden Priestern unserer Zeit dankbar sein. David

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