Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, Wut

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Der Fall Ulrich Hemel


Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, Wut

München, 8. Mai 2008 – Manchmal tut es richtig weh, in dieser Kirche zu sein. Immer dann zum Beispiel, wenn kirchliche Lehrmeinungen mit persönlichen Lebenseinstellungen kollidieren und sich daraus schwerwiegende Konsequenzen ergeben. Dann macht diese Kirche viele Menschen ratlos, hilflos, wütend.

Es geht um den Fall Ulrich Hemel. Der einstige Top-Manager und Spitzenakademiker sollte nach dem Willen der Hochschulleitung neuer Präsident der Katholischen Universität Eichstätt werden. An seiner fachlichen Eignung gibt es überhaupt keinen Zweifel. Erst am gestrigen Mittwoch sagte Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel: „Was ich von ihm gelesen habe, ist spitzenmäßig.“ Dennoch wird Hemel den begehrten Job wohl nicht antreten können. Der Vatikan verweigert nämlich bis jetzt seine Zustimmung und hinterlässt eine Reihe beschädigter Personen, zu denen neben Hemel selbst auch der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke gehört. Es wird viel spekuliert: Hintergrund der Ablehnung könnte sein, dass Hemel zum dritten Mal verheiratet ist. Offiziell sagt das in Kirchenkreisen niemand. Natürlich nicht.

Der Fall hat viele ärgerliche Aspekte, deswegen zunächst die Fakten: Am 30. Januar 2008 wurde Hemel zum neuen Präsidenten der Katholischen Universität Eichstätt gewählt. Der Hochschulrat entschied sich mit zwölf zu vier Stimmen, sie hatten sich den Mann genau ausgesucht: Ulrich Hemel ist 51 Jahre alt und mit einer beeindruckenden Vita ausgestattet. Abi mit 1,0. Promotion mit 23 Jahren. Habilitation mit 31 an der Katholischen Universität Regensburg. Danach war er fünf Jahre bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group tätig und anschließend Vorstandsvorsitzender einer Medizin- und Pflegeproduktfirma. In dieser Funktion wurde er 2003 zum „Manager des Jahres“ gekürt.

Der Vatikan hat "Bedenken". Das ist gefährlich

Am 1. April hätte Hemel sein Amt antreten sollen. Allerdings blieb die erforderliche Bestätigung seines künftigen Chefs, des Eichstätter Bischofs Hanke, aus. Dann wurde die Amtsübergabe auf den 23. April verschoben. Auch dieser Termin verstrich.

Was in der Zwischenzeit passiert ist, weiß man nicht sicher. Klar ist nur, dass die vatikanische Bildungskongregation „Bedenken“ angemeldet hat. Vielleicht deshalb: Hemel ist zum dritten Mal verheiratet. Seine erste Ehe ließ er annullieren. Die zweite schloss er nur standesamtlich. Diese beiden Ehen sind nach Kirchenrecht ungültig. „In der bayerischen Bischofskonferenz soll es deshalb für ihn keine Mehrheit geben“, will die Süddeutsche Zeitung erfahren haben und fügt hinzu: „Vor allem der Regensburger Oberhirte Gerhard Ludwig Müller soll Hemel abgelehnt und in Rom interveniert haben.“ Als Folge solle die Wahl nun für ungültig erklärt und die brisante Stelle neu ausgeschrieben werden, wie Wissenschaftsminister Goppel voreilig ausplauderte.

Ulrich Hemel hat dies heute Vormittag bestätigt. Bischof Hanke habe ihm in einem Gespräch, das gestern Nachmittag stattgefunden hat, mitgeteilt, dass er nicht Uni-Präsident werden könne. Die Gründe habe er allerdings nicht erfahren.

Das Fazit ist erschütternd: Beschädigt ist der hoch respektierte Manager und Professor Ulrich Hemel, der nun nur noch eine Ehrenerklärung erwartet, dass er kein Kirchenfeind sei. Beschädigt ist der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke, die eigentliche Entscheidungsinstanz, der nun vom Vatikan zurückgepfiffen wurde und womöglich das Wahlverfahren verändern muss. Demnach soll künftig nicht mehr der Ortsbischof, sondern der Papst die Wahl eines Eichstätter Uni-Präsidenten bestätigen. Beschädigt ist die gesamte katholische Universität Eichstätt, die einzige katholische Uni im deutschsprachigen Raum. Nach dem Willen des Papstes sollte sie eine der besten Hochschulen des Landes werden. Das dürfte ihr nun schwer fallen, wenn für die Besetzung ihrer Spitzenpositionen die fachlichen Qualifikationen nicht ausschlaggebend sind.

Und beschädigt sind wieder einmal die Tausenden Männer und Frauen, die sich gerne in der katholischen Kirche zuhause und angenommen fühlen möchten, deren Lebensweg aber mit den Grundhaltungen der Kirche nicht kompatibel ist. Wenn dann noch hinzukommt, was Ulrich Hemel erlebt hat, dass nämlich die Kirche aufgrund unliebsamer (und oft schmerzhafter) persönlicher Entscheidungen auch noch das berufliche Weiterkommen verhindert, was soll dann noch bleiben außer Ratlosigkeit, Hilflosigkeit und Wut?

André Lorenz


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