Sakraler Kunststoff
Kölner Dom: über 600 Jahre Bauzeit. Sagrada Familia: seit 126 Jahren in Arbeit. Petersdom: rund 120 Jahre mauern und malen. Und selbst an einer Turbo-Kirche wie dem Limburger Dom wurde immerhin 45 Jährchen herumgewerkelt, bis die Gläubigen darin Gottesdienste feiern konnten. Warum diese Aufzählung? Es geht auch schneller, eine Kirche zu errichten – wesentlich schneller, nämlich rund drei Stunden. So lange dauert es, bis die aufblasbare Kirche steht, die das Bistum Essen für rund 30.000 Euro kaufen und in der Vorweihnachtszeit einsetzen will. Rund 15 Meter hoch, 15 Meter lang und acht Meter breit sind die Maße des Instant-Tempels, der mit allem ausgestattet ist, was ein Gotteshaus braucht: Sitzbänke, Orgel, Kanzel, Altar, Kreuz und Kerzen – alles aus Kunststoff versteht sich, von einem britischen Unternehmer für Freizeit- und Unterhaltungsgeräte erfunden.
„Wir wollen mit der Kirche dahin gehen, wo Kirche sonst nicht ist, und sie auf Schulhöfen oder in Fußgängerzonen aufstellen“, begründet Peter Huyeng, Geschäftsführer der Katholischen Kinder- und Jugendarbeit im Bistum Essen, die Anschaffung. In dieser Kirche mit ihren rund 60 Sitzplätzen würden zwar keine Eucharistiefeiern zelebriert, sie solle aber als ein Ort für Wortgottesdienste und spirituelle Angebote dienen. Huyeng weiter: „Das Ganze ist ein bisschen provokant, aber Jugend darf provokant sein.“
Der Zeitgeist macht auch nicht vor der Kirche halt
Zweifellos, auch wenn Herr Huyeng sicherlich nicht mehr zum engeren Kreis der Bevölkerungsgruppe mit der Lizenz zum Provozieren gehören dürfte. Aber wir wollen hier nicht päpstlicher als der Papst sein, zumal sich in den vergangenen Jahren gezeigt hat, dass der Zeitgeist nicht halt macht vor Kirche und christlicher Symbolik oder dem, was manche dafür halten. Man denke nur an Plastikweihnachtsbäume und Playmobil-Krippenfiguren. Auch dass Sakralbauten nicht immer für die Ewigkeit gedacht sind, sondern angesichts knapper Kassen verscherbelt und in Büros, Discos oder Restaurants umgewandelt werden, ist nichts Ungewöhnliches mehr. Die evangelische Kirche etwa verkündete vor wenigen Jahren, dass sie sich wegen der vielen Kirchenaustritte von der Hälfte ihrer 20.000 Kirchen trennen will. Und auch die katholische Kirche plant, rund 700 Gotteshäuser abzureißen oder zu verkaufen.
Manchmal beschleicht auch den Fortschrittgläubigsten leichte Skepsis
Warum also nicht zum Anlocken von neuen Gläubigen das „dem Herrn gehörige Haus“ in der Kunststoffversion? Haben doch die Kollegen von der evangelische Kirche in Württemberg und Thüringen sowie von der anglikanischen Kirche in London bereits vorexerziert. Fragt sich nur, was als nächstes kommt. Wie wär´s mit McChurch? Die Fast-God-Kirche für all die, denen das Gottesdienstgedöns zu lange dauert. Mit einem Ronald McFrommelt als Vorturner. Oder ein Börsengang – die Gottesaktie inklusive Bonuszahlungen an die Priester bei vermehrten Kircheneintritten.
Aber gut, lassen wir die Kirche im Dorf, zumal so eine klerikale Hüpfburg ja keinem schadet. Und seien wir mal ehrlich: Käme wieder mal jemand auf die Idee, wie vor 491 Jahren geschehen, seine Thesen an ein Kirchenportal schlagen zu wollen: bei PVC – pffffff ... Trotzdem, manchmal beschleicht auch den Fortschrittgläubigsten leichte Skepsis. Man stelle sich vor: Michelangelos „Erschaffung der Welt“ an einem Plastikgewölbe ...
Klaus Späne