Schöne Vorlage
Im Halbfinale der Europameisterschaft 2008 treffen Jogis Löwen auf Terims Türken. In den letzten Tagen berichteten die deutschen Medien über nahezu alles aus dem Umfeld des Gegners. Dabei lohnt es sich noch aus einem ganz anderen aktuellen Anlass auf die Türkei zu blicken: In drei Tagen beginnt das Paulusjahr.
Das Festjahr zum Gedenken an den großen Missionar des Christentums ist dabei untrennbar mit der Türkei – genauer: mit Tarsus – verknüpft. Tarsus ist nämlich die Geburtsstadt des Apostels und damit der Beginn einer beispiellosen geistlichen Karriere. Von hier aus lernte Paulus, noch unter seinem jüdischen Namen Saulus bekannt, das Judentum kennen – und das Christentum hassen. Später wandelte er sich zum überzeugten Anhänger Christi und war hauptverantwortlich dafür, dass sich die neue Religion in einem rasenden Tempo ausbreitete. Insofern ist Tarsus für die Christen ein ganz besonderer Ort – genutzt hat ihnen das bisher reichlich wenig. Es gibt heute keine christliche Kirche in Tarsus, das Geburtshaus des Apostels wurde zum Museum umfunktioniert. Wer Paulus nicht nur an seinem Grab in Rom, sondern auch an seiner Wiege ehren will, hatte bislang einfach Pech gehabt. Für Christen ein Affront und Skandal.
Meisner wird nicht müde
Immer wieder versuchten Kirche und Diplomatie seitdem den türkischen Behörden die Erlaubnis für eine Pilgerstätte abzuringen. Im März sandte Kardinal Joachim Meisner einen flammenden Appell an den Bosporus, selten hat der Kölner Erzbischof in letzter Zeit so wahre Worte gesagt: „Ich werde nicht müde, mein Anliegen, was ja das Anliegen der Weltchristenheit ist, immer wieder zu artikulieren: dass dem Geburtsort des Apostels Paulus eine Pauluskirche und eine Begegnungsstätte der Christen geschenkt werden möchten.“ Berechtigte und bewegende Worte.
Doch warum sollte man ausgerechnet am Tage eines Fußballspiels auf solch einen Konflikt blicken? Weil die Türkei unerwartete Offenheit gezeigt und ein zartes Zugeständnis gemacht hat: Das Geburtshaus des Paulus darf während des Festjahres als Kirche genutzt werden, nebenan wird es sogar ein eigenes Pilgerheim geben. Man mag das als selbstverständlich erachten, doch das ist es nicht. Die Türkei setzt damit ein, wenn auch nur erstes, Zeichen von Toleranz und Respekt vor dem Christentum. Und das ist in einem Land, das sich mit echter Religionsfreiheit nach wie vor schwer tut, ein richtig guter Anfang. Im Fußball würde man wohl sagen: Eine wirklich schöne Vorlage.
Simon Biallowons