Die Hoffnung ist schwarz-grün
Eine Randnotiz aus dem Nachrichtenticker: Am kommenden Montag treffen sich hochrangige Vertreter der katholischen Kirche mit Spitzenpolitikern der Grünen zum Gedankenaustausch. Sie tun das zum vierten Mal nach 1997, 2001 und 2006. Die angekündigten Gesprächsthemen sind vorhersehbar: biomedizinische Ethik, Fragen der sozialen Grundsicherung, die Situation von Kindern und Familie. Aber selbstverständlich wird auch Hamburg auf der Tagesordnung stehen: Dort haben Ende vergangener Woche CDU und die Grünen die erste schwarz-grüne Landesregierung besiegelt. Was vor 20 Jahren nicht einmal gedacht wurde, vor zehn Jahren eine Sensation gewesen wäre, gilt heute vielen als Hoffnung auf zukünftige politische Gestaltungskraft.
Sicher, man darf sich da nichts vormachen: Eine Wunschehe ist diese erste schwarz-grüne Koalition nicht. Sie ist ein pragmatisches Bündnis des rechnerisch Möglichen. Aber in Zeiten einer gelähmten großen Koalition und der Realität eines Fünf-Parteien-Systems, das übliche Koalitionen zunehmend erschwert, haben sich eben auch die alten Erzfeinde so weit angenähert, dass sie das schwarz-grüne Experiment auf Landesebene wagen.
Gerade katholische Christen werden dieses Experiment mit Spannung verfolgen. Manche, bis hin zu Bischöfen, werden das nicht gerne hören, aber in einer Koalition aus Christdemokraten und Grünen ist – zumindest auf dem Papier – die größte Schnittmenge an politischen Inhalten vertreten, die katholischen Grundhaltungen entsprechen.
Die Grünen sind kompromisslose Verfechter von Zukunftsthemen,
bei denen auch die katholische Kirche kompromisslos ist
Während sich die Volkspartei CDU bei Schlüsselthemen wie dem Schutz von Ehe und Familie auf der Seite der Kirche weiß, präsentieren sich die Grünen als kompromisslose Verfechter von Zukunftsthemen, bei denen auch die katholische Kirche kompromisslos ist. Beim bevorstehenden Spitzentreffen wird also zum Beispiel große Einigkeit herrschen bei der strikten Ablehnung des Stammzellenbeschlusses bis hin zum Umwelt- und Klimaschutz. Das Nischenthema der Achtzigerjahre, ein Motor für die Gründung der Grünen, ist heute gesellschaftliche Grundüberzeugung. So gesehen, sind die Grünen die konsequentesten Verfechter des konziliaren Prozesses, zu dem eben auch die „Bewahrung der Schöpfung“ zählt. Selbstbewusst sagt Ulrike Gote, kirchenpolitische Sprecherin der bayerischen Grünen: „Wir haben das C zwar nicht im Namen, aber wir haben es im Programm.“ Und die grüne Fraktionsvorsitzende Renate Künast stellt – fast ein wenig erstaunt – fest: „Das Kuriose ist: dass wir Grüne für die Kirchen so etwas wie die Identifikationsfigur geworden sind.“
Deshalb wird die katholische Kirche die erste schwarz-grüne Landesregierung mit Wohlwollen begleiten. Eine erste Möglichkeit für Sympathiebekundungen gibt es am Montag beim Gipfeltreffen mit Spitzentreffen. Erzbischof Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, führt die Delegation an, der auch einige weitere Bischöfe angehören. Der Kölner Kardinal Meisner und der Augsburger Bischof Mixa sind nicht dabei.
André Lorenz