Selig ohne Ende
Die Bemühungen, Papst Pius XII. selig zu sprechen, sind erneut ins Stocken geraten. Die Rolle des Pacelli-Papstes während der nationalsozialistischen Judenverfolgung ist unter Historikern umstritten. Papst Benedikt XVI. äußerte bei einer Gedenkmesse zum 50. Todestag von Pius XII. die Hoffnung auf Rehabilitierung. Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann riet dagegen vor zwei Wochen zu einer „gewissen Pause“: Die Sache sei „hochsensibel“, und die Frage der Seligsprechung lasse sich mit etwas Abstand zur Urteilsfindung der Historiker besser verhandeln.
Schweigen, um Schlimmeres zu verhindern
Zur Erinnerung: Pius XII., der von 1939 bis 1958 auf dem Heiligen Stuhl saß, war alles andere als ein Feigling. Er rechnete mit seiner Verhaftung durch die Nazis; in seiner Schreibtischschublade lag eine Verfügung, die Kardinal Cerejeira von Lissabon in so einem Fall als kommissarischen Verwalter des Petrusamtes eingesetzt hätte. Er schwieg zur Judenvernichtung, weil er davon überzeugt war, ein offener Protest würde nicht nur wirkungslos sein, sondern auch eine Katholikenverfolgung schlimmsten Ausmaßes auslösen und zudem die vom Vatikan hinter den Kulissen betriebenen Hilfsmaßnahmen für die Juden behindern. Etwa die erfolgreiche Vermittlung jüdischer Emigranten in neutrale Gastländer oder die Unterbringung Verfolgter in Klöstern und Pfarrhäusern.
Ob diese Einschätzung des am 9. Oktober 1958 verstorbenen Papstes richtig war, darüber streiten die Historiker bis heute – seinen Charakter stellen sie nur selten in Frage. Pius ist ein großer Papst gewesen, ein leidenschaftlicher Friedensfreund, ein Förderer von Bibelwissenschaft und Liturgiereform. Aber muss man ihn deshalb gleich seligsprechen?
Die Botschaft der Seligsprechungen droht zu verblassen
Die Inflation von Selig- und Heiligsprechungsprozessen unter dem polnischen Papst Johannes Paul II. ist oft beklagt worden. Besonders schlimm ist diese ausufernde Entwicklung bei den Päpsten der letzten hundert Jahre: Für Pius XII. läuft der Seligsprechungsprozess, der von allen geliebte Johannes XXIII. (1958 – 1963) wurde im Jahr 2000 seliggesprochen – gemeinsam mit dem umstrittenen Pius IX. aus dem 19. Jahrhundert.
Für den nächsten Petrusnachfolger, Paul VI. (1963 – 1978), läuft der Seligsprechungsprozess, ebenfalls für Johannes Paul I. (1978) und für Johannes Paul II. (1978 – 2005), den manche jetzt schon „Karol den Großen“ nennen.
Zweifellos alles herausragende Persönlichkeiten, jeder hatte sein besonderes Charisma. Bei jedem sprechen gute Gründe für die öffentliche Erklärung, dass sein Leben geglückt, bei Gott angekommen und ein nachahmenswertes Beispiel christlicher Existenz ist (nichts anderes sagt eine Selig- oder Heiligsprechung aus). Aber wenn in Zukunft jeder Papst kurz nach seinem Tod in den Seligen- oder Heiligenhimmel aufgenommen werden sollte, müsste die dahinter stehende Botschaft verblassen.
Schlimmer noch: Würde der scheinbare Automatismus doch einmal durchbrochen, sagen wir in zwanzig Jahren bei Papst Benedikt XVI., müsste man sich fragen, was denn so schlecht an der Amtsführung des Übergangenen war. Am Ende gälte er als schwarzes Schaf unter den Kollegen mit Heiligenschein.
Nein, da sollte man lieber die Kirche im Dorf lassen – sogar im Vatikan.
Christian Feldmann