Seuche und Segen
Verzeihung, wenn ich Sie aus Ihrer Hitze-Lethargie reiße und in das beschauliche Sommerloch entführe. So nennt sich eine kleine Gemeinde mit 431 Einwohnern nordwestlich von Kreuznach. Einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangte der pfälzische Ort, weil er in der nachrichtenarmen Zeit des Öfteren als Stein gewordenes Symbol für die alljährliche Ereignisarmut im Hochsommer herhalten muss.
Ob Sommerloch irgendwie verschwistert ist mit Albuquerque ist nicht bekannt. Ist aber durchaus möglich, denn dort in New Mexico hat die Saure-Gurken-Zeit eine Nachricht geboren, die das Christentum in neuem Licht erscheinen lässt: Religion ist ein Seuchensymptom, sagen Wissenschaftler der University of New Mexico. Konkret wollen Corey Fincher und Randy Thornhill herausgefunden haben, dass ein hohes Infektionsrisiko dazu führt, dass sich die Bevölkerung zunächst in immer kleinere Gruppen aufspaltet. Die Menschen würden den Kontakt zu Fremden meiden, sich stärker der eigenen Gruppe zuwenden. So komme es zur Bildung immer kleinerer Strukturen mit eigenen religiösen Traditionen. Als Beweis führen die Forscher an, dass in heißen Gebieten der Erde Glaubensgemeinschaften weit zahlreicher sind als in gemäßigten Zonen.
Aha, denken wir also, so hat sich die Entstehung des Christentums abgespielt: Judäa anno dazumal, knallheiß, Lepra (siehe Lazarus) und andere ansteckende Krankheiten plagen das Heilige Land; Jesus und seine Jünger kapseln sich nach ihren Touren durch die damalige römische Provinz immer mehr von der restlichen jüdischen Bevölkerung ab – aus der Boygroup entwickelt sich allmählich eine neue Religionsgemeinschaft als quasi keimfreie Überlebensgemeinschaft.
"Aber wie ist das heutzutage?", würden manche wahrscheinlich gerne die Herren Fincher & Thornhill besorgt fragen. Fördern moderne tückische Infektionskrankheiten wie Vogelgrippe, Aids oder Hepatitis die Entstehung neuer Religionen? Droht dem Christentum ein neues Schisma? Immerhin sprechen Experten ja von einem regelrechten Comeback der Seuchen. Sachte, sachte, keine Panik. Zum einen dürfte die größte Bedrohung, die von solchen Seuchen ausgeht, heutzutage in einer weiteren Erhöhung der Krankenkassenbeiträge liegen. Zum anderen hat das Christentum in den letzten 2000 Jahren schon weitaus bewegtere Epochen und folgenreichere Theorien als diese aus Albuquerque überstanden. Übrigens, Sommerloch erreichen Sie, von Kaiserslautern kommend, über die A 61 und die B 48 Richtung Bad Münster am Stein-Ebernburg.
Klaus Späne