Im Januar besucht er die rö mische Synagoge, im März die evangelisch-lutherische Christuskirche, im Mai Fatima, anschließend Zypern, im September vielleicht Großbritannien … Und das ist nur ein Auszug aus Benedikts Reisetätigkeit. Jubeltermine sind das – bis auf Fatima – nicht. Da ist der 17. Januar, „Tag des Judentums“ in Italien. Die italienische Rabbinerkonferenz hatte 2009 die Teilnahme an gemeinsamen Veranstaltungen abgesagt, wegen der Zulassung der Tridentinischen Messe und der darin enthaltenen Karfreitagsfürbitte für die Juden. Es folgte die unselige Diskussion um Holocaust-Leugner Williamson von der Piusbruderschaft. Ein Jahr danach geht Benedikt XVI. in die Synagoge. Er wird dort schwierige Fragen beantworten müssen. Er stellt sich ihnen.
Aufgestaute Probleme ansprechen
Dass Benedikt Christen anderer Konfessionen besucht, könnte man als gutes ökumenisches Zeichen deuten. Doch es wird auch darum gehen, aufgestaute Probleme anzusprechen. Wie auf Zypern, wo etwa drei Viertel der Bevölkerung orthodox sind und gut 20 Prozent muslimisch. Katholiken gibt es auf der geteilten Insel nur als winzige Minderheit. In Großbritannien ist das Verhältnis zur Staatskirche ziemlich angespannt, weil der Vatikan konservativen Anglikanern die Türen für einen Übertritt zur katholischen Kirche „sehr weit geöffnet hat“. Die anglikanische Kirche spricht eher von Abwerbung. All dies zeigt: Der 82-jährige Papst setzt sich Begegnungen aus, die andere als menschlich unangenehm möglichst meiden würden. Man muss nicht zu viel in solche Reiseprogramme hineingeheimnissen, und doch haben sie etwas zu sagen.
Anfang Juli beispielsweise besucht der Papst Sulmona in den Abruzzen. Dort wurde vor 800 Jahren Papst Coelestin V. geboren, der bislang Einzige, der das Papstamt aus freien Stücken wieder aufgab. Ob das in un serer Zeit noch praktikabel ist? Auch so ein heikles Thema.
Joachim Rogosch