Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Sparpaket

Liborius Verlagsgruppe Bayerisches Sonntagsblatt Liborius Magazin Liboriusblatt
Montag, 21. Mai 2012 Hermann Joseph , Erenfrid
Augenblicke|Nachrichten|Wissen|Unser Glaube|Specials|Forum|E-Cards|Spiele

Etappen Ihres Lebens: Taufe | Kommunion | Firmung | Ehe | Trauer

Drucken | Versenden | Mail an die Redaktion

Sparpaket

 

Weniger Staat - mehr Nächstenliebe

Die Bundesregierung will mit ihrem Sparpaket bis zum Jahr 2014 mehr als 80 Milliarden Euro einsparen. Auch im sozialen Bereich soll es gewaltige Kürzungen geben. Mehr denn je ist deshalb jetzt die Hilfe der Kirche gefragt 

Ein Kommentar zum Sparpaket von Anselm Bilgri

Foto: sxc

Viele Menschen verstehen die Logik der derzeitigen Politik nicht mehr. Es entsteht der Eindruck, dass mit einer unziemlichen Hektik Schnellschüsse abgefeuert werden, um medial wirksam die Wähler bei der Stange der jeweiligen Parteien zu halten. Da gibt es Milliardenbeträge in schwindelerregender Höhe, um Rettungsschirme für sogenannte systemrelevante Unternehmen zu spannen, und gigantische Hilfspakete für zum Teil korrupte Staaten – und gleichzeitig wird bei den Bedürftigsten im eigenen Land gespart.

Sicher, wir haben einen ungeheuer aufgeblähten Etat des Sozial- und Arbeitsministeriums. Dass da in irgendeiner Form einmal eine ordentliche Durchforstung notwendig ist, wird niemand bestreiten. Dass überall, wo es möglich ist, die Hilfe des Staates vor allem Anreiz zur Selbsthilfe bieten soll, ist auch unumstritten. Aber solange sich die Gesellschaft der Bundesrepublik der Sozialen Marktwirtschaft verpflichtet weiß, muss gerade im sozialen Bereich mit einer großen Sensibilität und spürbarem Fingerspitzengefühl ans Werk gegangen werden. Denn die davon Betroffenen sind meistens Menschen, die sich im politischen Geschehen nicht medienwirksam in Szene setzen und so ihre eigene Stimme nicht lautstark erheben können.

Ein Sozialstaat braucht Netze am unteren Ende der sozialen Spirale

Zurück zu mehr Verantwortung, Abbau der überbordenden Staatsleistungen, mehr Markt statt Staat: ja, aber nur dann, wenn die Netze auch am unteren Ende der sozialen Spirale gespannt werden. Die Hilfspakete dürfen nicht ausschließlich die Unternehmen und Gutverdienenden stützen, die sich weit über den Köpfen der Mitte der Gesellschaft befinden. Gerade darin besteht ja das Soziale an der Sozialen Marktwirtschaft: Ermunterung zu Eigenverantwortung und Risikobereitschaft bei denen, die dazu fähig sind, und Hilfe für all jene, die durch das soziale Netz zu fallen drohen.

Nächstenliebe war immer ein Markenzeichen des Christentums

Die traditionellen Anwälte aller Mühseligen und Beladenen unserer Gesellschaft sind die Christen in den verfassten Kirchen. Neben der Verkündigung des Glaubens, der Feier des Gottesdienstes und damit – modern gesprochen – der Hilfe zur Sinnfindung in einer immer unübersichtlicheren Welt war die tatkräftige Nächstenliebe stets ein Markenzeichen des Christentums in allen Kulturen, in denen es Fuß fassen konnte. „Seht, wie sie einander lieben“, so haben die Heiden in der Antike über die Christen gesprochen.

In einer kalten und vom familiären Egoismus geprägten Welt war es eine gänzlich neue Erfahrung, dass eine Religion die Menschen zu Rücksichtnahme und Fürsorge für die ärmeren Gesellschaftsschichten und für alle Rechtlosen anspornte. Zu eben jener Haltung, die kurz als Caritas, als Liebe bezeichnet wurde. Witwen und Waisen, Kinder, Sklaven, Behinderte, Alte und Kranke, sie alle waren von Beginn an die besonderen Lieb­linge des Gottes, der durch Jesus Christus und seine Jünger verkündet wurde. Die Kirche entwickelte sich damit zur großen Relais-Station der Umverteilung von Besitz und Vermögen – vor allem durch das Beispiel des Religionsstifters Jesus und dessen Nachahmer, die Christen.

Die Kirche war Vorbild für soziale Einrichtungen

Daraus entstanden im Laufe der Jahrhunderte nicht nur die großen Hilfswerke der Kirchen wie Diakonie und Caritas. Auch viele heute vom Staat übernommene Aufgaben haben ihren Ursprung in der Liebestätigkeit der christlichen Gemeinden: Krankenhäuser, Reha-Kliniken, Altenheime, Senio­renresidenzen, Altenservicezentren, Behinderteneinrichtungen, Essen auf Rädern, Witwenrente, Obdachlosenheime … Die Liste lässt sich schier unendlich fort­setzen bis zum Arbeitslosengeld I und Hartz IV. All diese Einrichtungen gehen zurück auf die Worte des Weltenrichters im Evangelium: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Die Option für die Armen ist ein Motto nicht nur für Adveniat, Misereor und Brot für die Welt, sondern gilt genauso in den auf den ersten Blick reichen Gesellschaften unserer westlichen Hemisphäre. Oder wie der Erfurter Bischof Joachim Wanke es einmal ausgedrückt hat: Wir werden immer jemanden finden, vor dem wir uns hinknien können, um ihm nach dem Beispiel Jesu die Füße zu waschen.

Wir Christen sind aufgerufen zu helfen

Sollte das Klima in unserer Gesellschaft durch die zunehmende Ökonomisierung aller Lebens­bereiche und die staatliche Überbetonung des Marktliberalismus wieder kälter werden, sind wir Christen aufgerufen, dafür zu sorgen, dass die Menschen am unteren Ende der sozialen Skala nicht gänzlich vergessen werden. Die Kirchen tun jetzt schon viel dafür, ihre caritativen Hilfswerke gehören in der Bundesrepublik zu den größten Sozialkonzernen. Vielfach werden diese Einrichtungen zu den positiven Beiträgen der Kirchen zum Miteinander der säkularisierten Gesellschaft gezählt.

Dieser Stein im Brett einer sich verhärtenden Sozialkultur sollte nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Kirche ist nicht nur Sozial­institution, sondern auch Weg­weiserin zu Sinnstiftung in den Grundfragen des Lebens: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Ihr wird aber auch die Frage gestellt: Was sollen wir tun? Und darauf muss sie eine der Zeit und ihren Gefährdungen angemessene Antwort geben. Um dem Eindruck der ständigen Mahnerin und Pessimistin zu entgehen, muss die Kirche selbst beispielhaft tun und vorleben, was sie von der Gesellschaft insgesamt erwartet.




Übermittlung Ihrer Stimme...
4.0 (1 x bewertet)


Ihre Meinung zu diesem Thema (Sie müssen nicht angemeldet sein):

Ins Gästebuch eintragen
  (wird nicht angezeigt)
(* Pflichtfeld)

Das Beste aus der katholischen Erlebniswelt