Ich gestehe: Auch ich werde wieder auf dem Sofa zittern, werde unhörbar „Bitte, bitte, bitte!“ zu einem hoffentlich gnädigen Gott rufen, werde ihm kleine Versprechen machen für den Fall, dass Deutschland weiterkommt – aber wohl erst ab dem Viertelfinale, ich möchte Gott nicht schon in der Gruppenphase zu sehr in Anspruch nehmen. Und im täglichen stillen Morgengebet wird hin und wieder eine Spielszene die Kontemplation bestimmen.
Es ist nun mal Fußball-WM, und da kommen die zwei Urleidenschaften des Menschen zusammen: Fußball und Glaube. Natürlich hat mich meine Erfahrung gelehrt, dass nicht jedes meiner Fußball-Stoßgebete erhört wird. Und mir ist auch klar, dass zeitgleich Millionen andere Menschen mit genau entgegengesetzten Bitten den Himmel bestürmen. Nur: Während des Spiels sind diese Überlegungen absolut uninteressant.
Versunken im Tal der Fußballtrauer
Und wenn es dann doch nicht klappt? Wenn Deutschland – vielleicht sogar nach einer superguten Leistung – ausscheidet? Dann wird natürlich eine Welt zusammenbrechen und Verzweiflung sich bei mir breitmachen. Und ich werde hadern, mit den Spielern, mit dem Schicksal – und wenn es knapp war, auch mit Gott. Es wäre unehrlich zu sagen, dass nach einmal Schlafen alles wieder okay wäre. Kann schon sein, dass ich zwei Tage brauche.
Was mir dann hilft, wieder aus dem Tal der Fußballtrauer herauszukommen? Gewiss nicht die Überzeugung, dass Brasilianer, Italiener oder Argentinier nun mal heftiger beten können – von wegen, die sind doch nur abergläubisch! Es reichen jedoch ein Arbeitstag und ein Blick in die Zeitung, um mit Kopf und Herz klarzukriegen, dass es in der Welt wesentlich Wichtigeres gibt als die WM. Fußball ist eben doch eine Nebensache – wenn auch die schönste der Welt. Und dann gestehe ich Gott großzügig zu, dass er sich um andere Dinge kümmert als um einen Lederball und etliche Multimillionäre auf grünem Spielfeld.
Aber vielleicht sind ja auch Jubel und Dank angesagt!
P. Stefan Tertünte SCJ