Scham. Wut. Hilflosigkeit, ja, sie auch. Das sind die Gefühle, die die meisten Menschen in diesen Tagen haben, wenn sie von den Missbrauchsfällen rund um den Jesuitenorden hören. Für einen gläubigen Katholiken sind die Scham, die Wut und die Ratlosigkeit besonders groß: Ausgerechnet katholische Geistliche, denen Eltern ihre Kinder deshalb anvertraut haben, damit sie besonders gut aufgehoben sind und gefördert werden, haben sich an ihren Schutzbefohlenen vergangen. Längst geht es nicht mehr um Einzelfälle. Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch. Das verursacht die Scham. Der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, hat die ersten Fälle öffentlich gemacht. Zusammen mit dem Provinzial der Jesuiten, Stefan Dartmann, hat er die Opfer und ihre Familien um Verzeihung gebeten. Das ist das Erste und Mindeste. Entschuldigen – wie soll das gehen?
Eine Gemeinschaft mit höchsten moralischen Maßstäben
Die Missbrauchsfälle, die nun bekannt geworden sind, liegen zum Teil zwanzig bis dreißig Jahre zurück. Der Orden und die Kirche wussten sehr früh davon – und haben geschwiegen. Das macht wütend. Es ist nicht zu fassen, dass sich eine Gemeinschaft, an die wir – natürlich! – höchste moralische Maßstäbe anlegen, wissentlich außerhalb des Gesetzes stellt und dann noch glaubt, mit einem System aus Versetzungen und Vertuschungen dieser Skandale Herr werden zu können.
Aus den Augen, aus dem Sinn – das funktioniert nicht, wie die katholische Kirche nun feststellen kann. Jeder Geistliche, der Kinder oder Jugendliche missbraucht hat, muss strafrechtlich verfolgt werden. Das aber reicht nicht: Es muss künftig sichergestellt sein, dass er nicht einfach versetzt wird und ihm in einer anderen Pfarrgemeinde oder kirchlichen Einrichtung womöglich wieder Schutzbefohlene anvertraut werden.
Ein heuchlerisches Argument
In einer Art binnenkatholischem Reflex hört man gerade jetzt oft den Satz: Aber in der Kirche ist das doch gar nicht so schlimm, bei anderen Berufsgruppen gibt es viel mehr Missbrauchsfälle. Das ist ein heuchlerisches Argument. Es klingt, als wolle man die Vorfälle mindestens verharmlosen, wenn nicht entschuldigen. Allerdings kommt man zu diesem Argument zurück, wenn man die Titelgeschichte des „Nachrichtenmagazins“ Der Spiegel vom 8. Februar liest. Das Wort „Nachrichtenmagazin“ steht deshalb in Anführungszeichen, weil es sich bei eben jener Titelgeschichte nur zum Teil um eine Nachrichtensammlung handelt, sehr viel eher um eine ätzende, einseitige Polemik gegen den Priesterzölibat und die Sexualnormen der Kirche. Sie seien ursächlich für die ernste Krise, auf die die katholische Kirche in Deutschland durch die Missbrauchsfälle zusteuere. Es mag
sogar sein, dass die strengen emotionalen Anforderungen an Geistliche ein intaktes Verhältnis zur eigenen Sexualität erschweren. Nachgewiesen ist das nicht. Auch der Spiegel kann das nicht belegen.
So wird die Aufarbeitung dieser furchtbaren Historie tatsächlich zur Hetzjagd. Das kann niemand ernstlich wollen. Katholische Geistliche haben in den vergangenen Jahren sehr viele Menschen immens verletzt. Eine Wiedergutmachung kann jedoch nicht so aussehen, dass im Gegenzug manche Menschen nun sehr viele katholische Geistliche wegen ihrer Lebensentscheidung verletzen.
André Lorenz