Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Erzbischof Marx zur Ökumene

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Montag, 21. Mai 2012 Hermann Joseph , Erenfrid
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Erzbischof Marx zur Ökumene

 

Hoffnungszeichen

Als Paulus erfährt, dass es in Korinth nach seinem Weggang zu Spannungen und Spaltungen gekommen ist, schreibt er der Gemeinde einen Brief. Dieser Brief beginnt mit der Mahnung: „Ich ermahne euch aber, Brüder, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn: Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid ganz eines Sinnes und einer Meinung.“ (1 Kor 1,10)

Paulus erinnert die Korinther an den gemeinsamen Glauben, das Handeln Gottes an den Menschen in seinem Sohn Jesus Christus, der gekreuzigt und von Gott auferweckt wurde. Nicht menschliches Können oder Anstrengung schafft Gemeinschaft, sondern Gott schenkt diese Gemeinschaft, die selbst der Tod nicht zerstören kann. Erfahrbar wird dies in der Feier der Eucharistie, die auf dichte Weise diese Gemeinschaft mit Christus und untereinander bewirkt und zum Ausdruck bringt. Spaltungen, im Glauben und im sozialen Leben, und die Feier der Eucharistie schließen einander aus. Deshalb mahnt der Apostel die Gemeinde, zur Einheit im Glauben, Leben und in der Feier des Mahles wieder zurückzukehren und so zu bezeugen, dass in Christus alle Menschen zum Heil gerufen sind.

Foto: Wikipedia

Unsere Aufgabe: Die Spaltungen überwinden

Die Gemeinschaft unter allen, die an Jesus Christus glauben, ist von Beginn an von Trennung bedroht und bedarf des ständigen gemeinsamen Einsatzes für die Einheit. Die Mahnung des Apostels bleibt eine andauernde. Es ist nicht immer gelungen, die Einheit zu be­wah­ren. Es kam und kommt zu Spal­tungen unter den Chris-ten. Die Spaltungen zu überwinden, bleibt unsere Aufgabe, auch heute. Ebenso gibt es durch die gesamte Geschichte der Christenheit das Bemühen um Einheit, das wir Ökumene nennen. Die Spaltung zu überwinden, ist nicht nur innerster Auftrag von Beginn an, sondern heute auch notwendig, damit zukunftsweisende und tragfähige Wege entwickelt und beschritten werden können für eine menschenwürdige Welt. Weder gibt es noch geschlossene konfessionelle Gebiete, so dass der Kontakt mit Christen anderer Konfession nur ein gelegentlicher wäre, noch lassen sich die großen Herausforderungen unserer Zeit alleine bestehen. Unsere Zeit braucht das Zusammenwirken aller Menschen. Und unsere Zeit braucht das gemeinsame Zeugnis der Christinnen und Christen.

 

Der 2. Ökumenische Kirchentag widmet sich deshalb der Verantwortung der Christen für diese Welt. Unter dem Leitwort „Damit ihr Hoffnung habt“ steht ein Programm, das die drän­gen­den Fra­gen aufgreifen und in ein durchaus auch kontroverses und kri­tisches Gespräch bringen will. Dabei spielt die Frage nach ethischen Maßstäben in Wirtschaft und Gesellschaft ebenso eine Rolle wie die Frage nach Orientierung in einer religiös plural gewordenen Welt. Die sozialen Aufgaben in unserem Land und weltweit wer­den genauso thematisiert wie die zentralen theologischen Themen, die das Gespräch der christlichen Konfessionen untereinander prägen.

Ökumene zeigt sich im gemeinsamen Tun

Es ist wichtig, dass Ökumene nicht allein auf die theologischen Lehrfragen verengt wird. Schon die Würzburger Synode der Deutschen Bistümer (1971–1975) formulierte in ihrem Beschluss zur Ökumene deutlich, dass sich die Gestaltung von Einheit unter allen, die an Christus glauben, in allen Lebensbereichen der Kirche zeigen muss, im gemeinsamen Tun, im gemeinsamen Glauben und in der Feier des Gottesdienstes.

Gemeinschaft im christlichen Glauben erweist sich in all diesen Bereichen, und jeder Fortschritt in einem Aspekt bringt uns insge­-samt dem Ziel einer lebendigen Gemeinschaft untereinander näher. „Ökumenisch“ heißt der Kirchentag nicht nur, weil er gemeinsam veranstaltet wird, sondern auch, weil in einem umfassenden Sinn nach einer tieferen Gemein­schaft in allen Lebensbereichen gesucht wird.
Man muss wohl auch feststellen, dass die ökumenische Bewegung in den theologischen Kernfragen ins Stottern gekommen ist. Den Schwung, den sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgenommen hat, scheint sie etwas verloren zu haben. Sicher haben daran auch gesellschaftliche Veränderungen Anteil, denn es ist schwerer geworden, zentrale Inhalte christlichen Glaubens zu
vermitteln. Religiöser Pluralismus und ein gewisses „Baukastensystem individueller Religiosität“ sind verbreitet. Die Kirchen selbst sind unter Erklärungsdruck geraten. Dabei steht eher die Profilierung durch Abgrenzung als die Suche und die Gestaltung von Gemeinsamkeiten im Fokus. Beispiele für eine solche „Profilbildung“ finden sich in allen Konfessionen. Sie sind dabei nicht nur nachteilig, denn sie zwingen dazu, klar zentrale Anliegen zu formulieren, die ins ökumenische Gespräch eingebracht werden müssen.

Die ökumenische Herausforderung ist größer geworden

Die ökumenische Herausforderung ist aber auch deshalb größer geworden, weil vieles bereits im Zusammenwirken und Zusammenleben erreicht ist und nun zentrale Kernfragen zur Bearbeitung anstehen. Vor allem die Frage der Zielvorstellung ist jetzt zu beantworten: Wie viel sichtbare Gestalt von Einheit braucht es und wie viel Verschiedenheit verträgt die eine Christenheit? Dabei geht es nicht um eine „Geschmacksfrage“, sondern darum, was von Jesus Christus her unabdingbar zu seiner Kirche gehört und was in der Gestaltungsfreiheit der Menschen bleibt. Auch die Bedeutung und Ausgestaltung des kirchlichen Amtes ist jetzt Thema, denn es genügt sicher nicht, nur die Bezeichnung der Ämter einander anzunähern, sondern auch ihre Theologie. Genauso wichtig und bleibend ist die Frage nach dem Verständnis der Eucharistie. Sie gemeinsam zu feiern, ist Sehnsucht aller. Das kann aber nur gelingen, wenn wir eine gemeinsame Überzeugung davon haben, was in dieser Feier geschieht.

Der 2. Ökumenische Kirchentag kann und wird sicher nicht alle Probleme lösen.
Er kann aber das Gespräch, wenn es denn fair und wertschätzend miteinander geführt wird, lebendig erhalten und Impulse geben. Auf jeden Fall ist es eine Chance, sich intensiv mit anderen Gläubigen über Fragen unserer Zeit auszutauschen. Dies ist eine Bereicherung für das ei­gene Leben und für das Leben in unseren Gemeinden und Einrichtungen. Ich lade Sie herzlich ein, diese Chance zu nutzen.

Von Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising

 

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