Am Ende des Credos bekennt man auch seinen Glauben an die katholische Kirche, und das ist die Geschichte, bei der dieser Glauben ins Wanken gerät:
In Brasilien ist die neunjährige Carmen drei Jahre lang von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht und schließlich schwanger geworden. Sie erwartete Zwillinge, die Anfang März abgetrieben wurden. Das Leben des Kindes sei in Gefahr gewesen, sagte einer der behandelnden Ärzte. Dem Mädchen geht es nach dem Eingriff so gut, wie es einer Neunjährigen nach einer so brutalen Erfahrung gehen kann. Der Stiefvater ist inzwischen in Haft – und der Mutter des Mädchens droht eine Strafanzeige wegen Mordes.
Das hat die katholische Kirche in Brasilien zu verantworten, die zudem gefordert hatte, das Mädchen solle die Zwillinge austragen. Und es geht noch weiter: Nicht nur, dass Marcio Miranda, der Rechtsanwalt der Erzdiözese von Olinda und Recife, sagte: „Wir halten das für Mord. Das Gesetz Gottes lautet: Du sollst nicht töten.“ Nun stellte Erzbischof José Cardoso Sobrinho auch noch die Exkommunikation aller an der Abtreibung beteiligten Personen fest.
Barmherzigkeit wäre hier gefordert gewesen
Die Kirche demonstriert hier eine Härte und Kaltblütigkeit, die einen als gläubigen Katholiken wütend und traurig zugleich zurücklässt und die seriöse Argumentation schwierig macht. Natürlich lehnt die Kirche aus guten und lange kontrovers diskutierten Gründen Abtreibung ab. Natürlich spricht auch das Kirchenrecht hier eine deutliche Sprache. Aber wenn sich die Kirche ungeachtet der erschütternden Umstände in ihrer „Seelsorge“ nur hinter dem Kirchenrecht verschanzt, Menschen verstößt, die gerade jetzt Hilfe und geistliche Begleitung dringend nötig gehabt hätten und damit doppelt bestraft, dann erleben wir wortwörtlich die Perversion dessen, wofür Kirche da ist: Statt den Menschen zugewandt, hat der brasilianische Erzbischof menschenverachtend gehandelt.
Nichts anderes als Barmherzigkeit wäre hier gefordert gewesen. Zu unserem Glauben gehört untrennbar auch das Vertrauen darauf, dass sich die katholische Kirche ganz besonders um die Kranken, Schwachen und Hilfsbedürftigen kümmert. Dass man diese Barmherzigkeit ausgerechnet bei einem katholischen Erzbischof anmahnen muss, ist bitter und wirft kein gutes Licht auf die Kirche im Jahr 2009.
André Lorenz