Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Gottes vergessener Kontinent

Liborius Verlagsgruppe Bayerisches Sonntagsblatt Liborius Magazin Liboriusblatt
Montag, 21. Mai 2012 Hermann Joseph , Erenfrid
Augenblicke|Das Magazin|Nachrichten|Wissen|Unser Glaube|Specials|Forum|E-Cards|Spiele

Etappen Ihres Lebens: Taufe | Kommunion | Firmung | Ehe | Trauer

Drucken | Versenden | Mail an die Redaktion

Debatte

Gottes vergessener Kontinent

Dieses bekannte Sprichwort kommt aus Ruanda: „Gott verbringt den Tag anderswo, am Abend kommt er heim nach Ruanda.“ Als 1994 der Völkermord in ihrem Land wütete, schien es vielen Christen, als sei Gott weggegangen und nicht mehr zurückgekehrt. Die fast drei Millionen sudanesischen Flüchtlinge in den Lagern von Darfur, die Opfer von Hunger und Cholera in Simbabwe, die Tausenden von vergewaltigten Frauen und Mädchen im Ost-Kongo – sie alle müssen manchmal fragen, ob nicht Gott sie verlassen und der Rest der Menschheit sie vergessen hat. Die Frage ist nicht neu. Die Israeliten stellten sie in der Gefangenschaft in Babylon, als ihr Land und ihre Hoffnung zerstört waren. Durch die Propheten erhielten sie eine unmissverständliche Antwort. „Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht.“ (Jesaja 49,14-15)

(Foto: iStock)
Der Glaube an Gott ist in Afrika stark. Viele Menschen hält er am Leben (Foto: iStock)

Übervolle Kirchen, junge Priester, lebendige Liturgie

Afrika scheint der gottverlassene Kontinent. Seine Menschen sind wahrscheinlich Gott näher als die meisten Christen Europas. Es gibt Zeichen dafür. Nicht nur übervolle Kirchen, lebendige Liturgien, junge Priester und Ordensleute. Überzeugender ist die innere Kraft, mit der Afrikaner in den ausweglosesten Situationen die Hoffnung nicht verlieren und weiterkämpfen, neu anfangen und auch noch im Leiden das Leben feiern.

Gottes vergessener Kontinent, das ist das Bild, das die Medien uns zeigen: verhungerte Säuglinge, Kinder mit Kalaschnikows, sterbende Aidskranke, zerstörte Städte. Bilder, die nicht lügen und doch nicht die Wahrheit sagen. Denn es gibt ein anderes Afrika, wo Kinder lachen und zur Schule gehen, wo in einem ungeheuren Bauboom neue Städte aus dem Boden schießen, wo Handy und Internet die Kommunikation revolutionieren. Seit 2000 hat Afrika ein Wirtschaftswachstum von über fünf Prozent. Davon können europäische Regierungen nur träumen.

Afrikas Probleme sind trotzdem nicht zu übersehen. Die meisten Länder Afrikas werden die Millenniumentwicklungsziele, die sich die Menschheit im Jahr 2000 zum Ziel gemacht hat, nicht erreichen, außer vielleicht im Bildungswesen. Die Anzahl der Hungernden und Armen wächst wieder. Warum hat dieser reiche Kontinent so große Probleme?

Sein Hauptproblem ist sein Reichtum, der seit Jahrhunderten immer wieder Wellen von Plünderern angelockt hat. Erst kamen die Sklavenhändler, die die Bevölkerung dezimierten und traumatisierten. Dann kamen die europäischen Kolonialmächte, die ihnen die Freiheit und ihr Land nahmen, sie verachteten und erniedrigten. Heute sind es die transnationalen Konzerne, die das Gold und andere Mineralien ausgraben, das Erdöl abpumpen, die Wälder roden und seit der Finanz- und Nahrungsmittelkrise auch noch über die letzte Ressource Afrikas herfallen, das Land. Der südkoreanische Konzern Daewoo wollte sich in Madagaskar 1,3 Millionen Hektar Land aneignen, ein Gebiet so groß wie das Saarland. Und es gibt einen neuen Interessenten für Afrikas Bodenschätze und Märkte: China. Mit riesigen Investitionen und Krediten machen die Chinesen sich Freunde, tauschen Erdöl gegen Infrastruktur, Kupfer gegen Konsumgüter. Sie bauen ihre Projekte und bleiben dann im Land. Ob die Armen Afrikas letztlich davon profitieren werden, ist eher fraglich.

Die große Schwäche Afrikas ist die grenzenlose Gier und Käuflichkeit seiner Eliten

Zur Ausbeutung gehören zwei: einer, der ausbeutet, und einer, der sich ausbeuten lässt. Die große Schwäche Afrikas ist die grenzenlose Gier und Käuflichkeit seiner Eliten. Sie sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie viele unserer Banker, Manager und Aufsichtsräte. Priorität hat der eigene Profit, die Zukunft des Landes und das Allgemeinwohl der Bevölkerung bleiben oft Themen für politische Wahlreden. Aber es gibt Hoffnung. Freiere Medien und eine immer stärkere Zivilgesellschaft prangern die Korruption an und fordern Rechenschaft.

Aber neue Gefahren drohen: Nicht nur die HIV/Aids-Pandemie fordert immer neue Opfer. Die weltweite Finanzkrise wie auch die Klimaveränderung treffen Afrika härter als den Teil der Welt, der die Krisen verursacht hat und dafür Verantwortung übernehmen sollte. 

(Foto: KNA)
Video: Klicken Sie auf das Bild, um auf Papst Benedikts Reise in Afrika zurückzublicken (Foto: KNA)

Das ist das Afrika, das Papst Benedikt auf seiner ersten Reise hierher getroffen hat: ein Nebeneinander von extremer Armut und skandalösem Reichtum, unendlichem Leiden und unbändiger Lebensfreude, tiefem Glauben und magischem Aberglauben, großer Gastfreundschaft und brutalen Konflikten.

Die Kirche hat die Aufgabe, die Wunden zu heilen

Ähnliche Widersprüche wird er in der Kirche finden. Menschen, die ihren Glauben in der Kirche begeistert singen und tanzen, aber nur selten in die Welt der Politik und Wirtschaft hineintragen. Volle Seminare, aber wenig pastorale Dynamik. Bischöfe, die der kirchlichen Lehre treu sind, die aber wenig getan haben, um die großen Themen der ersten Afrika-Synode – Inkulturation, Gerechtigkeit und Frieden – wirklich umzusetzen.

Vielleicht war das der Grund, warum Papst Johannes Paul II. noch kurz vor seinem Tod eine zweite Synode der Kirche Afrikas einberief. Diesmal geht es um die Rolle der Kirche in der Gesellschaft und einen konkreten Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung. Auf einem Kontinent, wo die sozialen Gegensätze immer weiter auseinanderklaffen, wird eine Kirche, die sich nicht für soziale Gerechtigkeit einsetzt, unglaubwürdig. Die zahllosen Kriege und Konflikte seit der Unabhängigkeit haben tiefe Traumata hinterlassen.

Hier hat die Kirche ihr ureigenstes Arbeitsfeld, die Wunden zu heilen, die tiefen Gräben zwischen ethnischen Gruppen zu überbrücken und durch Versöhnung die Grundlagen für einen dauerhaften Frieden zu schaffen. Die Kirche kann aber nur dann in die Gesellschaft hinein wirken, wenn sie zunächst einmal in den eigenen Reihen an der Überwindung ethnischer Spannungen arbeitet und die knappen Ressourcen verantwortungsvoll und gerecht nutzt.

Der Autor Pater Wolfgang Schonecke ist Afrikamissionar und lebte lange in Afrika. Heute leitet er das Berlin-Büro des Netzwerkes Afrika Deutschland

Lesen Sie auch:
Der Papst und das Kondom: Was hilft den Afrikanern?
Interview: Welche Rolle spielt die Kirche in Afrika?
Video: Ein Rückblick auf die beeindruckende Reise von Papst Benedikt




Übermittlung Ihrer Stimme...
3.0 (4 x bewertet)


Ihre Meinung zu diesem Thema (Sie müssen nicht angemeldet sein):

Ins Gästebuch eintragen
  (wird nicht angezeigt)
(* Pflichtfeld)

Das Beste aus der katholischen Erlebniswelt