Übervolle Kirchen, junge Priester, lebendige Liturgie
Afrika scheint der gottverlassene Kontinent. Seine Menschen sind wahrscheinlich Gott näher als die meisten Christen Europas. Es gibt Zeichen dafür. Nicht nur übervolle Kirchen, lebendige Liturgien, junge Priester und Ordensleute. Überzeugender ist die innere Kraft, mit der Afrikaner in den ausweglosesten Situationen die Hoffnung nicht verlieren und weiterkämpfen, neu anfangen und auch noch im Leiden das Leben feiern.
Gottes vergessener Kontinent, das ist das Bild, das die Medien uns zeigen: verhungerte Säuglinge, Kinder mit Kalaschnikows, sterbende Aidskranke, zerstörte Städte. Bilder, die nicht lügen und doch nicht die Wahrheit sagen. Denn es gibt ein anderes Afrika, wo Kinder lachen und zur Schule gehen, wo in einem ungeheuren Bauboom neue Städte aus dem Boden schießen, wo Handy und Internet die Kommunikation revolutionieren. Seit 2000 hat Afrika ein Wirtschaftswachstum von über fünf Prozent. Davon können europäische Regierungen nur träumen.
Afrikas Probleme sind trotzdem nicht zu übersehen. Die meisten Länder Afrikas werden die Millenniumentwicklungsziele, die sich die Menschheit im Jahr 2000 zum Ziel gemacht hat, nicht erreichen, außer vielleicht im Bildungswesen. Die Anzahl der Hungernden und Armen wächst wieder. Warum hat dieser reiche Kontinent so große Probleme?
Sein Hauptproblem ist sein Reichtum, der seit Jahrhunderten immer wieder Wellen von Plünderern angelockt hat. Erst kamen die Sklavenhändler, die die Bevölkerung dezimierten und traumatisierten. Dann kamen die europäischen Kolonialmächte, die ihnen die Freiheit und ihr Land nahmen, sie verachteten und erniedrigten. Heute sind es die transnationalen Konzerne, die das Gold und andere Mineralien ausgraben, das Erdöl abpumpen, die Wälder roden und seit der Finanz- und Nahrungsmittelkrise auch noch über die letzte Ressource Afrikas herfallen, das Land. Der südkoreanische Konzern Daewoo wollte sich in Madagaskar 1,3 Millionen Hektar Land aneignen, ein Gebiet so groß wie das Saarland. Und es gibt einen neuen Interessenten für Afrikas Bodenschätze und Märkte: China. Mit riesigen Investitionen und Krediten machen die Chinesen sich Freunde, tauschen Erdöl gegen Infrastruktur, Kupfer gegen Konsumgüter. Sie bauen ihre Projekte und bleiben dann im Land. Ob die Armen Afrikas letztlich davon profitieren werden, ist eher fraglich.
Die große Schwäche Afrikas ist die grenzenlose Gier und Käuflichkeit seiner Eliten
Zur Ausbeutung gehören zwei: einer, der ausbeutet, und einer, der sich ausbeuten lässt. Die große Schwäche Afrikas ist die grenzenlose Gier und Käuflichkeit seiner Eliten. Sie sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie viele unserer Banker, Manager und Aufsichtsräte. Priorität hat der eigene Profit, die Zukunft des Landes und das Allgemeinwohl der Bevölkerung bleiben oft Themen für politische Wahlreden. Aber es gibt Hoffnung. Freiere Medien und eine immer stärkere Zivilgesellschaft prangern die Korruption an und fordern Rechenschaft.
Aber neue Gefahren drohen: Nicht nur die HIV/Aids-Pandemie fordert immer neue Opfer. Die weltweite Finanzkrise wie auch die Klimaveränderung treffen Afrika härter als den Teil der Welt, der die Krisen verursacht hat und dafür Verantwortung übernehmen sollte.