Es gibt keine Wahrheit. Das hat Friedrich Nietzsche einmal gesagt. Dieser Satz gilt zumindest für eines der größten Sportereignisse der Welt: Aus der Tour de France ist längst die Tour de Farce, aus der Tour der Leiden die Tour der Lügen geworden.
Um genau zu sein: Jeder weiß jetzt, dass es schon immer eine Tour der Lügen war. Das schwerste Radrennen der Welt ist nur noch ein absurder Mix aus Leistungswahn, Profitgier und einer unfassbaren Realitätsverweigerung.
Die Deutschen pflegen eine dubiose Doppelmoral
Besonders die Deutschen spielen dabei eine rätselhafte Rolle. Spanier und Italiener geben sich gar nicht erst die Mühe, so zu tun, als ob sie einen sauberen Sport wollten. Wer das härteste Radrennen der Welt gewinnt, ist ein Held, und Helden dürfen alles. Auch dopen.
Die Deutschen dagegen pflegen eine dubiose Doppelmoral. Vom großen Fernsehsender bis zum kleinen Radfan haben alle das Doping verurteilt. Jeder wollte schon immer ehrenhaft errungene Erfolge. Und als die deutschen Idole reihenweise ihre Geständnisse veröffentlichten, zeigte sich die gesamte Radsportnation Deutschland entsetzt. „Lieber fair hinterherfahren, als unfair siegen“, lautete plötzlich das Mantra. Bis einer vorne wegfährt. Dann interessiert sich keiner mehr für die Hintergründe. Als zum Beispiel Stefan Schumacher letztes Jahr das gelbe Trikot trug, wurden Zweifel wegen eines erhöhten Hämatokritwertes (Anteil der roten Blutkörperchen im Blut) national wegdiskutiert.
Nur wer die Wahrheit erkennt, wird frei. Das gilt im Fall der Tour de France für alle Seiten
Lügen und belügen lassen, das ist bei der Tour de France keine Frage mehr. Für Katholiken ist das eine Schande. Im Johannesevangelium sagt Jesus Christus sinngemäß: Nur wer die Wahrheit erkennt, wird frei. Das gilt im Fall der Tour de France für alle Seiten.
Solange die Sportler sich mit Drogen und Dopingmitteln vollpumpen, werden sie nie wirkliche Erfolge feiern können. Ein erlogener Sieg ist kein Sieg. Erst wenn die Athleten wirklich sauber sind, können sie das werden, was sie so gerne sein wollen: Helden.
Der Zuschauer wiederum wird Radrennen erst wieder genießen können, wenn er sicher ist, dass er saubere Fahrer anfeuert. Das geht aber nur, wenn der Fan zuvor die Augen auf- und den Fernseher ausmacht. Er muss den Radzirkus boykottieren. Solange, bis die gesamte Branche begriffen hat, dass die Doppelmoral nicht funktioniert.
Denn letztlich kann auch der Sport nur so wieder frei werden. Frei vom Pauschalverdacht, frei vom Image des schmutzigen Sports. Wer also weiter lügt und sich belügen lässt, dem kann an zwei Dingen nichts liegen. Am Radsport. Und an der Wahrheit.
Simon Biallowons