Die Finanzkrise zeigt zwar, dass ethisches Verhalten eine unverzichtbare Notwendigkeit erfolgreichen Wirtschaftens ist. Andererseits wird das Thema zurückgedrängt, weil angesichts der drohenden Rezession, der enger werdenden Liquidität und der düsteren Wolken über dem Wirtschaftshimmel in den Augen vieler „einfach keine Zeit“ bleibt, um sich auch noch mit ethischen Fragen auseinanderzusetzen. Genau dies aber ist ein Trugschluss. Denn ohne Glaubwürdigkeit kann niemand Geschäfte machen.
Keine Privatsache
Glaubwürdigkeit ist nicht allein Privatsache. Es gibt sehr wohl so etwas wie eine Glaubwürdigkeit von Institutionen, auch von Unternehmen, die von einzelnen Personen unabhängig ist. Auf der Mitarbeiterebene geht es häufig darum, ob das Unternehmen Zusagen und Versprechungen einhält. Unternehmenspraktisch – aber auch im allgemeinen Leben – bedeutet dies: Versprich lieber weniger, als du meinst, halten zu können. Dann wird jedenfalls die „Glaubwürdigkeitslücke“ zwischen deinen Worten und deinem Handeln nicht zu groß.
Glaubwürdigkeit als Voraussetzung für Vertrauen ist ein Thema nicht nur zwischen Personen oder Personen und Unternehmungen, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt. In den letzten 50 Jahren haben viele Menschen in Deutschland eine Erosion des Vertrauens in verschiedenen Bereichen erlebt. Zunächst wuchsen Misstrauen und Distanzierung gegenüber Kirchen, Parteien und Gewerkschaften. In der Zwischenzeit steht auch das Wirtschaftssystem unter einer Art von Generalverdacht mit einem generalisierten Misstrauensvotum. Es entstand eine Abwärtsspirale des gesellschaftlichen Vertrauens, die am Ende zu einem Generalverdacht aller gegen alle führt.
Der Staat kann nicht der Retter sein
Gerade gläubige Menschen sollten allerdings der Versuchung widerstehen, aus der gegenwärtigen Krise den Schluss zu ziehen, marktwirtschaftliches Wirtschaften sei generell von Übel, und man müsse sich von ihm fernhalten. Dies wäre eine Verdrängung der Realität, aber auch des vom II. Vatikanischen Konzils anerkannten Eigenwerts des Teilbereichs Wirtschaft. Erstes Ziel des Wirtschaftens ist die Deckung menschlicher Bedürfnisse. Erst mit der weiteren Ausdifferenzierung von Gesellschaften führte dies zu komplexen Mechanismen bis hin zur Gewinnorientierung in der Geldwirtschaft. Allzu bequem ist es auch, den Staat als Retter zu beschwören. Übersehen wird dabei, dass der Staat hier nur deshalb mit Glaubwürdigkeit auftreten kann, weil er sich in die Rolle eines Anker-Investors begibt und auf lange Sicht mit seinem Rettungspaket sogar Geld verdient. Denn niemand, auch nicht das größte Bankhaus der Welt, kann so viel Geld bewegen wie größere Staaten. Es hat wenig Sinn, den Staat zu idealisieren, zumal die gegenwärtigen Regulierungsmängel immerhin auch mit politischem Handeln zu tun haben.
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