Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Rafael Seligmann

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Montag, 21. Mai 2012 Hermann Joseph , Erenfrid
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Debatte

"Nicht in der Geschichte verharren"

Der Holocaust irritiert das Verhältnis von Christen und Juden bis heute. Der jüdische Schriftsteller Rafael Seligmann formuliert seine Erwartungen an die Kirche

Es geht mir nicht um das Nachtragen von Fehlern, wie die Rücknahme der Exkommunikation des Erzbischofs Williamson. Ich weiß, dass dies lediglich ein Gnadenakt ist. Keinesfalls handelt es sich dabei um eine nachträgliche Rechtfertigung. 

Dass sich aber der Vatikan nicht genauer über die Ansichten Williamsons informierte, ist ein Versäumnis und zugleich der Beweis, dass der Vatikan eben nicht die perfekte Durchleuchtungsmaschine ist, als die seine Gegner ihn dämonisieren. Dennoch: Die Haltung von Benedikt XVI. zum Völkermord an den Juden ist für mich über jeden Zweifel erhaben. 

Christen und Juden dürfen nicht in der Geschichte verharren

Christen und Juden dürfen nicht in der Geschichte verharren. Jene, die sich fast ausschließlich mit der Vergangenheit befassen, diese gar zu „bewältigen“ suchen, geraten in Gefahr, darüber die Gegenwart zu vernachlässigen. Die aber ist entscheidend: Das Wissen um unsere Geschichte und deren ehrliche Wertung soll uns helfen, das Heute und das Morgen zu bewältigen.

Papst Benedikt XVI. ist ein scharfsinniger Beobachter dieses Zeitgeschehens. Dabei fiel und fällt ihm auf, dass eine militante Auslegung des Islams, der „Islamismus“, dabei ist, in die Offensive zu gehen und das Christentum, das Judentum sowie die freiheitliche Lebensweise in den demokratischen Staaten zu bedrohen. Ein optimistischer, revolutionärer Islam greift die saturierte, sich ständig selbst hinterfragende christlich-jüdische Zivilisation auf mehrfache Weise an. Religiös, politisch, militärisch.

Das Zurücknehmen der ausgesprochenen Wahrheit wird von den Christen noch einen hohen Preis verlangen

In seiner Regensburger Rede zu Beginn seines Pontifikats hat der Papst auf diese immanente, militante Kraft des Islams hingewiesen. Daraufhin erhob sich in der gesamten islamischen Welt Protest. Die Mohammedaner fühlten sich vom Oberhaupt der katholischen Kirche herausgefordert. Durch ihren militanten Protest bewiesen sie indessen die Richtigkeit der Worte Benedikts XVI.. Um eine Eskalation zu vermeiden, entschuldigte sich der Papst. Dieses Zurücknehmen der ausgesprochenen Wahrheit wird in der Zukunft von den Christen noch einen hohen Preis verlangen. Denn der militante Islam fühlt sich durch den taktisch richtigen, strategisch jedoch katastrophalen Rückzug der Christenheit in seiner Offensive ermutigt. Außerdem zielt der Islamismus auf die Bekämpfung des Judentums und des Staates Israel.

Ein falsches Signal: die Wiederzulassung der neuformulierten Karfreitagsbitte 

Die katholische Kirche braucht deshalb eine feste Haltung. Jetzt kommt es darauf an, Glaubensstärke nicht nur in liturgischen Fragen, sondern auch im Alltag zu beweisen. In erster Linie als Nächstenliebe. 

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil bezeichnet die Kirche die Juden als ihre „älteren Brüder und Schwestern“. Diese Geschwister befinden sich weltweit in einem Existenzkampf. Da wäre es in meinen Augen Christenpflicht, den Brüdern und Schwestern beizustehen. Nicht militärisch – wir wissen mit Josef Stalin, dass der Papst keine Divisionen unterhält. Doch im Gebet und in der Politik. Die Wiederzulassung der alten lateinischen Messe mit der neuformulierten Karfreitagsbitte war deshalb ein falsches Signal.

Ich wünsche mir deshalb, dass der Papst die Verbundenheit der Kirche mit dem jüdischen Volk kundtut. Nicht nur in Auschwitz, sondern auch im Alltag.

Rafael Seligmann




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