Und die Welt sieht zu
Solange die Mönche in Birma meuterten, heulte die ganze Welt auf. Sie forderte vehement Freiheit und Menschenrechte, entsetzte sich über skrupellose Machthaber und Staats-Terroristen. Doch irgendwann gingen die Mönche zurück in ihre Klöster, und die Welt begann in anderen Erdteilen „Freiheit“ zu brüllen. Die Schuldigkeit war getan, jetzt konnte man es doch auch beruhigt gut sein lassen. Die Quittung für diese sträfliche Naivität bekommt die Welt jetzt. Oder viel mehr: Die Kinder und Frauen, die Greisen und Armen in Birma bekommen sie. Die verhungern auf den Straßen, die krepieren in den Krankenhäusern. Ein Wirbelsturm hat ausgereicht, um jetzt schon mehr als 80.000 Menschen jämmerlich sterben zu lassen. Ein Wirbelsturm – und ein Regime, das davon profitiert, dass die Welt die Verantwortung bislang von sich geschoben hat.
Versündigt aus Faulheit und Feigheit
Die westlichen Regierungen, die demokratischen Staaten, wir alle haben uns an den Menschen in Birma versündigt. Wir hatten uns von der scheinbaren Ruhe blenden lassen, die die Militär-Junta sich erknüppelt und erschossen hatte. Die Gründe dafür: Faulheit und Feigheit. Dabei war klar: Die Safran-Revolution hat wirklich nichts umgewälzt – der beste Beweis ist die Reaktion jetzt nach dem Wirbelsturm. Die UNO will in die zerstörten Gebiete Lebensmittel und Medikamente liefern. Nur: Die Mächtigen in Birma lassen die UNO einfach nicht. Sie sehen die Menschen sterben und halten überlebenswichtige Hilfen zurück. Schon werden Opfer in Millionenhöhe erwartet, die Hilfsorganisationen dürfen immer noch nicht ins Land.
Und die Welt? Die Welt sieht zu. Genau die Welt, die die Rede von Papst Benedikt XVI. vor der UNO-Vollversammlung wegen ihres Inhaltes so euphrisch gelobt hatte. Die Rede, in der der Heilige Vater das Eingreifen der UN anmahnte und betonte: „Vielmehr sind es die Gleichgültigkeit oder das Nichteingreifen, die tatsächliche Schäden verursachen.“
Die Krise in Birma wird noch schlimmer werden
Die Schäden in Birma sind nicht nur tatsächlich. Sie sind entsetzlich. Und sie werden noch schlimmer werden. Selbst wenn diese Krise bewältigt werden sollte, bleibt Birma ein Unrechts-Staat. Ein Staat, der seine Bürger auch in Zukunft nicht vor Unwettern und Unheil schützen kann. Und der es auch gar nicht will. Was aber hat der Papst in New York vor der UNO gesagt: „Jeder Staat hat die vorrangige Pflicht, seine Bevölkerung vor schweren und wiederholten Verletzungen der Menschenrechte zu schützen, wie auch vor den Folgen humanitärer Krisen, die sowohl von der Natur als auch vom Menschen verursacht werden.“
Kann das ein Staat nicht, so der Papst, dann müsse die Welt eingreifen. Doch sie tut es nicht. Wegen Öl und Erdgas mögen Soldaten ausrücken. Wegen verhungernder Kinder und todkranker Frauen anscheinend nicht. Solange die Welt weiter zusieht und sich von den Verbrechern in Birma an der Nase herumführen lässt, macht sie sich schuldig an jedem kranken, an jedem toten Menschen. Es kann daher keine Alternative geben, der Papst hat die weiteren Aktionen vorgegeben: „Wenn sich herausstellt, dass die Staaten nicht in der Lage sind, einen solchen Schutz zu garantieren, steht es der internationalen Gemeinschaft zu, mit den von der Charta der Vereinten Nationen und anderen internationalen Übereinkommen vorgesehenen rechtlichen Mitteln einzugreifen.“ Und in dieser Charta steht ganz klar: „Ist der Sicherheitsrat der Auffassung, dass die in Artikel 41 vorgesehenen Maßnahmen unzulänglich sein würden oder sich als unzulänglich erwiesen haben, so kann er mit Luft-, See- oder Landstreitkräften die zur Wahrung oder Wiederherstellung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit erforderlichen Maßnahmen durchführen.“
Das bedeutet ohne Zweifel: Die Welt hat das Recht, ja die Pflicht, mit allen erforderlichen Kräften die Menschen in Birma zu schützen. Der Papst hat sich zwar in erster Linie auf die Mittel der Diplomatie bezogen – doch das wird nicht ausreichen. Auf Endlos-Gespräche und Diplomaten-Scharmützel kann die Welt nicht setzen. Es geht diesmal nicht um Staatsideen oder Einflussgebiete. Sondern um Menschenleben. Und um die Frage, ob die Welt weiter nur zusieht.
Simon Biallowons