Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Kampf gegen den Hunger

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Montag, 21. Mai 2012 Hermann Joseph , Erenfrid
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Kampf gegen den Hunger

 

„Wir können an den Leiden der Menschen nicht vorbeigehen“

Prälat Josef Sayer weiß, was es heißt, wenn Eltern zusehen müssen, wie ihre Kinder verhungern. Als Missionar und Entwicklungshelfer hat er dies mit eigenen Augen gesehen. Heute ist er Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerkes MISEREOR. glaubenslust.de hat mit Professor Sayer über die aktuelle Hungerkrise gesprochen

 

Prälat Josef Sayer ist Entwicklungshelfer und Hauptgeschäftsführer von MISEREOR (Foto: privat)

?: Seit Ende letzten Jahres sind die Preise für Getreide und andere Lebensmittel rapide gestiegen. Wieso passiert das gerade jetzt?
!: Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, zum einen hat es stark mit den aktuellen Spekulationen an den Getreidebörsen zu tun. Ein weiterer Grund ist in der Nachfrage nach „Biosprit“ zu sehen. Im Rahmen der Klimadebatte wurde beschlossen, dem Treibstoff in der EU bis 2020 zehn Prozent Agrosprit beizumischen. Um diese Nachfrage befriedigen zu können, wurden z.B. in Indonesien und Malaysia riesige Flächen mit der afrikanischen Palme bepflanzt oder in Brasilien Flächen für Zuckerrohr zur Ethanolgewinnung umgewidmet. Statt Nahrungsmittelproduktion wird auf Pflanzentreibstoff gesetzt. Die Palmenwälder und Zuckerrohrfelder stehen in direkter Konkurrenz zu den Anbauflächen für Nahrungsmittel. So kommt es zu einem Kampf: Die einen wollen ihren Tank füllen, die anderen ihren Magen. Diese Konkurrenz dürfen wir aus ethischen Gründen nicht hinnehmen.

?: Welche Gründe gibt es noch?
!:
Man muss auch sehen, dass das Wirtschaftswachstum vieler Entwicklungsländer und vor allem der Schwellenländer China und Indien zu einer erhöhten Kaufkraft und damit zu einem gestiegenem Nahrungsmittelkonsum geführt hat. Durch die erhöhte Nachfrage schnellen die Lebensmittelpreise nach oben. Weiterhin ändern sich die Essgewohnheiten der Menschen. Chinesen essen immer mehr Fleisch. Um ein Kilogramm Rindfleisch zu produzieren, brauche ich aber ca. 20 Kilogramm Futtermittel. Mit dieser Menge könnte man natürlich viel mehr Menschen ernähren, als mit einem Kilo Fleisch. Wir können aber nicht erwarten, dass z.B. die Chinesen auf Fleisch verzichten sollen, vielmehr müssen auch wir unsere Ernährungsgewohnheiten überdenken. Wir können unseren Lebensstil nicht einfach  exportieren. Wenn die anderen ihm folgen, brauchen wir zwei Erden mehr. Ich selbst habe daher beispielsweise meinen Fleischkonsum stark eingeschränkt.

?: Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass die Konkurrenz zwischen Industrieprodukten und Lebensmitteln eine ernsthafte Bedrohung für rund 854 Millionen hungernde Menschen wird?
!:
Die Wirtschaftspolitik der Industriestaaten folgte vor allem verstärkt seit den 90er Jahren dem Modell des „Neoliberalismus“. Durch freie Marktzugänge sollte auch die Lage der Armen verbessert werden. Dabei wurde aber nicht die Situation der armen Länder selbst berücksichtigt. Sie sind nicht in der Lage, mit den reichen auf dem Markt zu bestehen. Haiti beispielsweise wurde auf Druck des Internationalen Währungsfonds 1995 dazu gezwungen, die Importzölle auf Reis von 35 auf drei Prozent zu senken. Das Ergebnis war, dass die Reisimporte innerhalb von neun Jahren um 150 Prozent nach oben geschnellt sind. Die Reisbauern auf Haiti sind dadurch unter die Räder geraten und haben den Reisanbau natürlich aufgegeben.

?: Was kann man tun, um den Armen in den betroffenen Ländern zu helfen?
!:
Die kleinbäuerliche, nachhaltige Landwirtschaft ist das Rückgrat der Ernährung für die Bevölkerung der Entwicklungsländer. Diese fördern wir in unseren Misereor-Projekten in Lateinamerika, Afrika und  Asien. Die Kleinbauern können nicht mit den hoch subventionierten Agrarbetrieben der Industriestaaten konkurrieren. Außerdem produzieren die Großbetriebe in den Entwicklungsländern für den Weltmarkt und nicht für die eigene Bevölkerung. Um die Ernährungslage der Armen zu sichern, müssen wir bei den kleinbäuerlichen Betrieben ansetzen. Es muss beispielsweise eine Bodenreform stattfinden. Die Kleinbauern wurden an Hanglagen abgedrängt. Sie verfügen zumeist über schlechte Böden und schlechte Bewässerung. Durch entwicklungspolitische Unterstützung oder neue Anbaumethoden der Bodenverbesserung und Technologien können wir für eine bessere Nahrungsmittelsituation in den Entwicklungsländern sorgen.

?: Welche Konsequenzen hat die Hungerkrise für Deutschland?
!:
Zunächst einmal bin ich sehr froh, dass jetzt der Präsident der Weltbank, Robert Zoellick, und der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, davon sprechen, dass der Hunger eine Gefahr für die Demokratie auf der Welt ist und sie sich für eine bessere Lebensmittelversorgung einsetzen. Dadurch haben wir es leichter, die Regierungen der reichen Länder an die Erfüllung der Versprechen in der Entwicklungspolitik zu erinnern und deren Erfüllung einzuklagen. Wenn der Bundesfinanzminister Peer Steinbrück bei einer internationalen Konferenz in Washington sagt: „Hunger ist ein Monster“, dann kommt er ja wohl nicht umhin, das Bundesministerium für Entwicklungszusammenarbeit mit entsprechenden finanziellen Mitteln auszustatten. Die Regierung hat sich festgelegt, den Haushalt des Bundesministeriums für Entwicklungszusammenarbeit in den nächsten vier Jahren um je 750 Millionen Euro zu erhöhen. Eine solche Erhöhung wird dringend benötigt, um die kleinbäuerliche Landwirtschaft in den Entwicklungsländern zu fördern und das Monster des Hungers zu bekämpfen. Politiker müssen glaubwürdig bleiben, sonst drohen Gefahren für uns selbst, z.B. in Form von Wanderbewegungen, die auf uns zukommen, wenn wir es nicht schaffen, die Menschen weltweit satt zu kriegen. Nahrungsmittelhilfen sind keine Dauerlösung.

?: Wie sehen Sie die Ernährungssituation auf der Erde im Jahr 2020?
!:
Ich habe die Hoffnung, dass Menschen, die in Politik und Wirtschaft Verantwortung tragen, erkennen, dass sie ihr politisches Geschäft nicht ohne die arme Bevölkerung machen können. In einer globalisierten Welt schlagen Unruhen bis zu uns durch. Präventives Handeln ist gefordert. Wir haben die Erde von Gott erhalten, um alle zu ernähren. Ich glaube, dass bis zum Jahr 2020 diese Verantwortung viel stärker gesehen wird.

?: Warum engagieren Sie sich so massiv in der Entwicklungshilfe?
!:
Ich habe selbst in den Armutsgebieten in Peru und anderen Ländern gelebt. Ich habe gesehen, wie Menschen verhungern. Und ich weiß, was es heißt, wenn Eltern ihren Kindern nichts zu essen geben können und zusehen müssen, wie diese verhungern. Es ist ein Skandal, dass die Interessen der Kleinen so wenig wahr genommen werden. Ich wünsche allen, die Entscheidungen treffen, dass sie den Schmerz solcher Eltern erfahren. Wir können an den Leiden der Menschen nicht vorbei gehen, wenn wir wahrhaft den Namen „Mensch“ tragen wollen. Das gilt für uns als Christen in besonderer Weise.

Interview: Christian Hutter

Die Kommentare der Liborius-User:


von André Gaufer

am Freitag, 15. Juli 2011

Keine Spekulation mit Lebensmitteln
Während Spekulanten, Banken und Investmentgesellschaften mit Lebensmitteln Kasse machen, steigt die Zahl der Hungernden weltweit! Dagegen protestiert die Initiative handle-fair.de!

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