Die Pläne des Vatikans sehen so aus: Anglikanern, die unzufrieden mit ihrer Kirche sind und zum Katholizismus übertreten wollen, werden große Zugeständnisse gemacht. Sie dürfen zum Beispiel ihre Liturgie weiterhin zelebrieren, anglikanische Priester können eine katholische Weihe erhalten und trotzdem verheiratet bleiben. Priesteramtskandidaten sollen zusammen mit katholischen Seminaristen ausgebildet werden und darüber hinaus eine spezielle Unterweisung in der anglikanischen Tradition bekommen. Außerdem will man in jedem Land, das sich darum bemüht, ein „Personal-Ordinariat“ einrichten. Das ist eine Art Diözese, allerdings meistens ohne eigenes Bistumsgebiet. Geleitet wird es von einem Priester oder Bischof, dem „Ordinarius“. Er untersteht der nationalen Bischofskonferenz und damit letztendlich dem Papst. Und genau das ist der Grund für das Entgegenkommen des Vatikans: Man gewährt den Anglikaner spezielle Rechte, erleichtert ihnen den Übertritt und erreicht dadurch, dass sie den Papst als Oberhaupt anerkennen. Der Vatikan holt sich auf diese Weise Anerkennung von ganz neuer Seite: Noch nie zuvor hatte eine Kirche mit reformatorischer Tradition ein ähnliches Angebot erhalten. Eine echte Sensation.
Benedikt XVI. ist zu ungewähnlichen Schritten bereit
Eine Sensation ist es auch, weil Benedikt XVI. mit diesen Plänen eine Offenheit und Toleranz offenbart, die ihm viele Kritiker absprechen. Der Heilige Vater beweist, dass er auf dem Weg zur Einheit der Christen auch zu außergewöhnlichen Schritten bereit ist. Sein Satz „Es gibt so viele Wege zum Heil, wie es Menschen gibt“, bekommt dadurch eine ganz neue Dimension.
Zwar müssen sich die neuen Glaubensbrüder offen zur Kirche und dem Katechismus bekennen. Sie sind also keine Anglikaner mehr, sondern Katholiken. Aber sie müssen ihre alten Wurzeln nicht kappen und können die vertraute Spiritualität weiterleben. Eine Spiritualität, die Paul VI. einmal als „anglikanischen Reichtum“ bezeichnete.
Die Entscheidung Benedikts XVI. ist aus zwei weiteren Gründen brisant. Einmal, weil der Heilige Vater auch auf diese Weise ein deutliches Zeichen für die Piusbruderschaft gesetzt hat. Mit den Lefebvristen beginnen bald neue Verhandlungen, und der Vatikan hat ihnen einen möglichen Weg zurück in die Kirche aufgezeigt. Rom hat klargemacht: Zugeständnisse sind möglich, auch sehr weitreichende – wenn nur der Papst und die Grundsätze der katholischen Kirche anerkannt werden.
Vor allem aber zeigt das Anglikaner-Agreement, wie Benedikt XVI. Ökumene versteht. Als Prozess, der von allen Beteiligten Kompromisse verlangt. Der aber zugleich eins nie relativieren wird: den Anspruch der katholischen Kirche, die einzige und wahre Kirche Jesu Christi zu sein.
Auf dem Weltjugendtag in Köln hatte Benedikt XVI. betont, dass er die sichtbare Einheit aller Christen zu einer Priorität seines Pontifikats erhoben habe. Seit Dienstag weiß man, wie diese Einheit aussehen könnte. Durchaus in einem bunten Gewand, aber immer unter dem Mantel des Papstes.
(22.10.09)