Vergrabene Talente
Braucht Siemens 420.000 Mitarbeiter, um seinen Aufgaben gerecht zu werden? Täten es nicht 403.000 auch? Oder wären nicht 430.000 besser? Eine schwierige Frage.
Einfach und gängig sind die Reaktionen auf die jüngste Ankündigung, 16.750 Stellen zu streichen: Die Aktie geht nach oben, die Gewerkschaft protestiert. Dabei geht es diesmal gar nicht um die „Indianer“, sondern um „Häuptlinge“, um die Verwaltung. Siemens-Vorstand Peter Löscher spricht von einer „Lehmschicht“, die er abtragen will. Siemensianer hatten bislang andere Bilder von sich im Kopf: Das von der großen Familie beispielsweise.
Welche Arbeitsplätze bei Siemens sinnvoll sind und welche verzichtbar, das steht nicht in der Bibel. Dort steht etwas von Talenten, die jeder richtig einsetzen soll. Für Großbetriebe kann das heißen: Die Bosse zeigen nun – auch in der Wortwahl –, dass sie Arbeit als sinnvolle Verwirklichung ihrer Mitarbeiter begreifen; dass sie die Strukturen tatsächlich wie versprochen zum Wohl des Unternehmens umgestalten, damit künftig neue Arbeitsplätze entstehen können.
Für betroffene Mitarbeiter kann das bedeuten, dass keiner seine Talente besitzstandswahrend zu sichern sucht, indem er sich eingräbt. Dass jeder vielmehr die Würde seiner Arbeit darin sieht, die Welt positiv zu gestalten.
Ist es vorstellbar, dass ein Arbeitskampf in unserer Gesellschaft auf diesem Niveau geführt wird? Siemens hat die Chance, nach allerlei Korruptionsskandalen mal wieder Positives zur Kultur des Wirtschaftslebens beizutragen. Die Lage ist günstig. Die Kassen sind gefüllt, Arbeit ist genug vorhanden, 96 Prozent aller Stellen sind offenbar sinnvoll. Ob es überhaupt zu Entlassungen kommt, ist noch ungewiss. Kein Grund zur Depression also. Vielmehr der richtige Zeitpunkt, dass beide Seiten aus ihren Gräben (aus Lehm?) herauskommen und nach so Altmodischem wie „Gemeinwohl“ Ausschau halten. Die Voraussetzung wäre: Glaubwürdigkeit. So einfach ist das. Und so schwer.
Joachim Rogosch