Von einem anderen Stern
Der Papst hat deutliche Worte gefunden. Beim Empfang der Delegation von islamischen Geistlichen forderte Bendedikt XVI., in den mehrheitlich von Muslimen bewohnten Teilen der Welt müsse das Grundrecht auf Religionsfreiheit eingehalten werden. Die Teilnehmer der Gruppe waren irritiert, sie hatten nicht mit einem solchen Appell des Kirchenführers gerechnet.
Seit der Regensburger Rede des Papstes im September 2006 war vor allem dem Vatikan daran gelegen, sein Verhältnis zu den Muslimen positiv zu bestimmen. Der Besuch des deutschen Papstes in der Türkei Ende November 2006 war vor diesem Hintergrund ein voller Erfolg. Benedikt spielte sich mit klugen Gesten und Worten in die Herzen der Türken. Das Foto, das ihn in Meditation in der Blauen Moschee von Istanbul zeigte, war am darauffolgenden Tag auf vielen Titelseiten in der islamischen Welt zu sehen.
In der Türkei herrscht individuelle Religionsfreiheit, die Kirche wird auf vielen Ebenen behindert
Dem Papst geht es um die religiöse Freiheit der Christen in der islamischen Welt. Dabei hat er nicht nur die individuelle, sondern auch die institutionelle Religionsfreiheit im Blick. In der Türkei herrscht individuelle Religionsfreiheit, das heißt, der Einzelne kann seinen christlichen Glauben für sich praktizieren. Die Kirche aber, die religiöse Institution, wird auf vielen Ebenen und an vielen Orten, behindert: Sie kann keine Grundstücke erwerben und sieht keine Möglichkeit, den geistlichen Nachwuchs auszubilden. Nicht-islamische Religionen werden als Gefahr für die Einheit der Nation gebrandmarkt. Benedikt XVI. möchte mit seinem Appell erreichen, dass das Schicksal der Christen in vom Islam dominierten Ländern nicht vergessen wird.
Auch der Empfang König Abdullahs von Saudi-Arabien an den Gräbern der Apostel im November 2007 hatte dieses Ziel: Rund eine Million christliche Gastarbeiter, viele davon von den katholischen Philippinen, leben im Königreich. An der Wiege des Islam gibt es weder individuelle noch institutionelle Religionsfreiheit. Der König antwortete ausweichend.
Interreligiöser Dialog darf nicht nur theologisch-wissenschaftlicher Natur sein
Der Dialog zwischen dem Vatikan und islamischen Einrichtungen zwischen Marokko, Riad und Jakarta darf nicht nur theologisch-wissenschaftlicher Natur sein. In unzähligen Dokumentationen ist nachzulesen, welche Werte Muslime und Christen teilen, und was sie bleibend unterscheidet. Eine Ethik des gemeinsamen Lebens ist es, die jeweils vor Ort belegen muss, ob die Behauptung, Islam bedeute Frieden, wirklich trägt oder nicht. Bislang sieht es danach aus, als ob diejenigen, die Islam mit Frieden übersetzen und im selben Atemzug die Toleranz als Charakteristikum dieser Religion bezeichnen, auf einem anderen Stern zuhause sind, als die christlichen Minderheiten, die in aller Welt unter dem Halbmond zu leiden haben.
Alexander Görlach
leitet das Online-Ressort des Magazins Cicero