Was Büßen wert ist
An diesem Mittwoch ist Buß- und Bettag. Eigentlich ein Feiertag, an dem früher die Geschäfte geschlossen hatten und die Fließbänder ruhten. Ein Tag der Einkehr, an einem Mittwoch im November. Etwas trist, so zwischen Volkstrauertag und Totensonntag. Aber gerade weil dieser Termin touristisch so schlecht anderweitig nutzbar war, blieb sein religiöser Sinn stets im Bewusstsein.
Jahrhundertelang hatte man ja geglaubt, sich gelegentlich einen Tag Zeit nehmen zu können, um sich auf die wahren Werte zu besinnen. Bis 1994. Da beschlossen Politiker aus allen Parteien, diesen evangelischen Feiertag „zugunsten der Finanzierung der Pflegeversicherung“ zu streichen. Eine Entscheidung mit Folgen.
Die Abschaffung des Buß- und Bettags war ein Flop
Folge 1: Irgendjemand hat seither an diesem Tag mehr Geld verdient. Ob es ihn glücklich gemacht hat? Folge 2: Millionen von Menschen gehen nun auch an diesem Tag ins Geschäft oder in den Betrieb, ohne sich weitere Gedanken zu machen. Was bringt ihnen das? Folge 3: Die Pflegeversicherung – nein, sie ist natürlich nicht sicherer geworden dadurch. Für die Pflege gebrechlicher Menschen braucht man nämlich nicht so sehr die Tagesgewinne aus einem Mittwoch im November, sondern eher Menschen, die bereit sind, umzukehren. So war die Abschaffung des Buß- und Bettags im Grunde ein Flop.
Folgen für die Ökumene
Weil aber der liebe Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann, hat dieser Flop noch ganz unerwartete Folgen gezeitigt. Zum Beispiel für die Ökumene. Nach dem Motto: „Bei Feiertagen müssen wir zusammenhalten“ luden katholische Priester die protestantischen Geschwister einfach zu ihrer Mittwochabendmesse. Oder sie schickten ihre Gläubigen zur Verstärkung in die evangelische Abendandacht, damit dieser Tag nicht sang- und klanglos untergehe. Mit Erfolg. Die evangelische Kirche registriert allerorten eine Renaissance des Buß- und Bettags.
Was lernen wir daraus? Christen sind nicht auf staatlichen Schutz für ihr Büßen und Beten angewiesen. Sie können auch unter geldorientierten Politikern fromm sein. Umgekehrt sind jedoch Politik und Wirtschaft darauf angewiesen, dass Menschen innehalten. Wer an diesem einen Tag im Jahr darüber nachdenkt, welches der rechte Weg fürs Leben ist, der kann sich und der Gesellschaft sündhaft teure Abirrungen sparen.
Joachim Rogosch