Was ist ein Mensch wert?
Nach seinem tragischen Skiunfall wurde Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus am Dienstag von einem österreichischen Bezirksgericht schuldig gesprochen und zu einer Geldstrafe von 33.000 Euro sowie 5000 Euro Schmerzensgeld verurteilt. Kaum war das Urteil bekannt, begann in Internet-Foren, Presse und an Stammtischen die Diskussion: Was ist ein Menschenleben wert? 5000 Euro, ein mittelmäßiger Gebrauchtwagen, für das Leben einer 41-jährigen Ehefrau und Mutter?
Wie das Gericht auf diese Summe kam, sei dahingestellt. Nur soviel: Natürlich kann der Ehemann des Unfallopfers vor einem Zivilgericht auf Schadenersatz klagen oder sich außergerichtlich mit Dieter Althaus einigen. In Deutschland ist es ohnehin nicht üblich, dass über Schadenersatz für die materiellen Schäden und Schmerzensgeld – das nur immaterielle Schäden betrifft – im Strafverfahren verhandelt wird. Dazu ist eine Zivilklage nötig. Und tatsächlich gibt es kein Schmerzensgeld für den Verlust eines Angehörigen!
Ein Gedankenspiel mit fatalen Folgen
Nur in Ausnahmefällen, etwa bei langen, schwersten Depressionen, ist eine Entschädigung möglich. Und das ist gut so! Schmerz und Trauer beim Abschied eines geliebten Menschen lassen sich nun einmal nicht beziffern und schon gar nicht der Wert eines Menschen. Es spricht für die Mentalität unserer Gesellschaft, dass die 5000 Euro Schmerzensgeld sofort aufgerechnet werden mit dem Leben des Opfers. Dass sie als Beurteilung dienen auf einer Skala von wertvoll bis wertlos. Wir sind es gewohnt, Bedeutung in Geld zu messen, und versucht, selbst Fürsorge und Liebe damit auszudrücken. Mein Haus, mein Auto, mein Urlaub steht für gut, meine Sozialwohnung, meine Hartz- IV-Bezüge für schlecht.
Es ist ein Gedankenspiel mit fatalen Folgen. Steht der Fabrikantengattin beim Tod ihres Mannes mehr Schmerzensgeld zu, als der Lebensgefährtin des Obdachlosen, die mit ihm unter der Brücke hauste? Was sind die Berechnungsgrundlagen? Lebenserwartung, Einkommen, Familiengröße? Wer darüber ein Urteil fällen muss, von dem wird verlangt, ein bisschen „Gott zu spielen“. Die Würde – das was ein Leben wirklich ausmacht – bleibt ohnehin außen vor.
Trotzdem sind solche Überlegungen keineswegs Science Fiction. In der Medizin sind unheilvolle Diskussionen über den Wert eines Menschen längst im Gange. Da wird bezweifelt, ob sich ein neues Hüftgelenk für die ältere Dame noch lohnt, oder ob der schwer Aidskranke noch auf Kassenkosten operiert werden darf. Über kurz oder lang wird das Schmerzensgeld bei Todesfällen auch in der deutschen Justiz Einzug halten. Dann genügt ein Blick in eine Tabelle, um den Wert unseres Lebens schwarz auf weiß zu sehen. Allerdings könnten wir dadurch nicht nur an „Wert gewinnen“, sondern auch an Würde verlieren!
Rosina Wälischmiller