Ringen um die Wahrheit
Vor genau 40 Jahren definierten Mediziner der Harvard Medical School den Tod als unumkehrbares Erloschensein der gesamten Hirnfunktionen. Die Folge: Ab diesem Zeitpunkt können Organe – auch solche, die noch künstlich am Leben gehalten werden – zur Transplantation freigegeben werden. Bis heute ist dies gängige Praxis, die auch von der katholischen Kirche nicht abgelehnt wird.
Wie schwer sich der Vatikan jedoch mit dieser „Hirntod“-Definition tut, zeigt eine aufgeregte Diskussion der vergangenen Tage. Zum 40. Jahrestag wurden die Harvard-Kriterien im Osservatore Romano, der vatikanischen Hauszeitung, als ungenügend bezeichnet. In dem Artikel wird an das „Erlanger Baby“ erinnert, das 1992 von einer „hirntoten“ Mutter geboren wurde. Dem widersprechen hochrangige Mediziner von der Päpstlichen Akademie für das Leben. Im ja nun auch katholischen „Radio Vatikan“ sagen sie: Der Hirntod sei immer schon das Hauptkriterium für die Feststellung des Todes gewesen.
Wie delikat die Frage ist, zeigt die Haltung Joseph Ratzingers
Es sind ernstzunehmende Denker – Mediziner, Philosophen und Theologen –, die hier auf beiden Seiten argumentieren. Die einen sind geprägt vom Willen, jenen zu helfen, die auf ein Spenderorgan angewiesen sind. Die anderen stellen dem entgegen, dass das Leben zu schützen ist – vom Anfang bis zum wirklichen Ende. Wie delikat die Frage ist, zeigt die Haltung Joseph Ratzingers: Als Kardinal warnte er vor der Entwickung, dass man später Menschen im irreversiblen Komazustand „dem Tod zuführen“ werde, um die Nachfrage nach Organen befriedigen zu können. Als Mensch ist er bereit, seine Organe zu spenden.
Vielleicht kann man beides vom Papst lernen. Dass man nicht beharrlich und gründlich genug nachdenken kann, wenn es um die Unantastbarkeit des Lebens geht. Und dass man als Katholik die Transplantationsmedizin aktiv unterstützen kann, selbst wenn noch letzte Fragen offen sind.
Rom liebt das klare Wort, wenn es um die ewige Wahrheit geht. Im täglichen Leben – und Sterben – gibt es Wahrheiten, die sich offenbar (noch) nicht so einfach in klare Worte fassen lassen. Einfacher vielleicht in liebende Worte.
Joachim Rogosch