Herr, lehre ihnen Weitsicht!
Laut dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gibt es in einigen Bundesländern Überlegungen, staatliche Zuschüsse an die Kirchen zu kürzen. Das wäre unsinnig, meint Peter Hummel
Nehmen wir mal an ich wäre nicht katholisch, sondern ein Bürger ohne Bezug zu Kirche und Religion. Ich würde brav meine Steuern bezahlen und mich darüber aufregen, dass sie grundsätzlich zu hoch sind. Das ist normal. Wenn mir dann jemand sagt „Hast du gewusst, dass der Staat jede Menge Geld an die Kirchen überweist?“, dann ärgere ich mich natürlich, weil ich nicht verstehen kann, dass ausgerechnet die Kirchen mit ihren prächtigen Basiliken unterstützt werden, öffentliche Spielplätze für Kinder aber geschlossen werden, weil kein einziger Euro für deren Renovierung übrig ist.
Wäre ich nicht katholisch, wäre das Leben ganz schön einfach. Ein Verhältnis zwischen Staat und Kirche gäbe es nicht, dürfte es nicht geben, religiöse Gemeinschaften wären so etwas wie Clubs oder Interessensgruppen oder Freizeit-Gilden. Die selber schauen müssten, wie sie mit ihrem Geld zurecht kommen.
Wäre ich nicht katholisch, hätte ich jede Menge einfacher Argumente. Diese Argumente würden mir aber ziemlich schnell ausgehen.
Der Staat zahlt gern an die Kirche. Das ist oft günstiger
Tatsächlich gibt es nämlich gar keine Leistungen des Staates, die den Kirchen unmittelbar zu Gute kommen. Nehmen wir mal das Beispiel kirchliche Schulen. Meine Tochter Luisa geht auf die Maria-Ward-Realschule in Augsburg, deren Träger die Diözese ist. Ginge sie auf eine staatliche Schule, würde das den Staat rund 30 Prozent mehr kosten. Und so kommt es, dass der Staat das Geld für die Ausbildung gern an die Kirche bezahlt, weil das günstiger ist. Schau mal an! Vom Ersparten profitieren alle Steuerzahler, auch jene, die über dieses System schimpfen. Auch jene Politiker, die dieser Tage genau solche Zahlungen an die Kirchen in Frage stellen und gleichzeitig vor neuen Steuererhöhungen warnen, die dadurch zwangsläufig entstehen würden. Ganz abgesehen von den enormen Summen, die durch die Auflösung entsprechender historischer Verträge fällig wären.
Auch das Geld, das der Staat beispielsweise für den Bau und den Unterhalt von kirchlichen Gebäuden an die Kirchen überweist, ist keineswegs unrentabel. Wenn man allein bedenkt, wie viele Euros all die Italiener bei uns im Land lassen, die zum Beispiel in diesen Tagen zu Hunderten die Basilika St. Ulrich und Afra in Augsburg besuchen, gleich hier vor meinem Fenster, dann rechnen sich die staatlichen Zuschüsse zur Renovierung des Dachstuhles allemal. Und in kurzer Zeit. Kirchen sind eben nicht nur Orte des Gebets, sondern auch wundervolle Kultur- und Kunstbotschafter, Anziehungspunkte, bedeutende Touristen-Highlights. Dass der Staat gut daran tut, diese nicht dem Verfall Preis zu geben, ist unstrittig.
Fast wundere ich mich, dass die Staatleistungen an die Kirchen nur einen einstelligen Prozentsatz des gesamten Kirchensteueraufkommens ausmachen. Gleichzeitig behält der Staat für die Dienstleistung, die Kirchensteuer in Deutschland einzuziehen, drei Prozent des Betrages ein. Drei Prozent! Das ist mehr als ein Kreditkartenunternehmen wie Visa oder MasterCard nehmen würde.
Die Gehälter von Bischöfen könnte die Kirche selbst bezahlen
Nein, ich wehre mich dagegen, das derzeitige System pauschal in Frage stellen. Und zwar nicht weil ich katholisch bin, auch nicht unbedingt aus historischen, sondern vielmehr aus staatsökonomischen Gründen. Allenfalls einzelne Punkte, wie etwa die Bischofsgehälter, die durchaus von der Kirche selber aufgebracht werden könnten, sollte man zeitnah überdenken. Wer als Bischof den Staat ermahnen möchte, was nicht selten angebracht wäre, sollte nicht darüber nachdenken müssen, von wem er bezahlt wird.
Wäre ich nicht katholisch, würde ich gar dafür plädieren, die Zuwendungen des Staates zu erhöhen. Geld, das bei den Kirchen landet, wird gewiss weniger oft zweckentfremdet als etwa in den Kommunen. Jedenfalls ist mir kein bedeutendes Kirchenprojekt bekannt, das der Bund für Steuerzahler jemals in seinem Schwarzbuch beanstandet hätte.
Aber als Katholik muss man auch verzeihen können. Den Verschwendern schweren Herzens und denen, die nicht rechnen können, mit einem Stoßgebet: „Herr, lehre ihnen Weitsicht.“