Wir sterben aus!
Die Demografie zwingt die Kirchen in Deutschland in die Knie. Und der Kulturwandel. Beides sind unübersehbare Zeichen für den Niedergang des Christentums: Keine Kinder zu wollen ist ebenso Ausdruck einer areligiösen Gesellschaft wie die Tatsache, dass die Kinder, die noch in Familien geboren werden, in denen wenigstens ein Elternteil Christ ist, nicht mehr selbstverständlich getauft werden.
Das Mehrheitsgefühl, mit dem man sich sicher in einem christlichen Wertekontext der Gesellschaft eingebettet wissen konnte, die Selbstverständlichkeit einer christlichen Weltanschauung, die auch von denen bejaht wurde, die nicht regelmäßig zum Gottesdienst gingen, ist damit Geschichte.
In zwanzig Jahren wird es genauso viele Nicht-Christen wie Christen geben
Gerade noch sechzig Prozent der Deutschen gehören einer christlichen Kirche an. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es 89 Prozent. Zur Zeit der Wiedervereinigung waren es noch siebzig Prozent. In noch mal zwanzig Jahren, so die Prognosen, wird es genauso viele Nicht-Christen wie Christen in Deutschland geben. Das Land des Heiligen Bonifatius, das Kernland des Sacrum Imperium, der Ausgangspunkt der Reformation wird in einen vorchristlichen Zustand zurückfallen. Deutschland wird dann ein von den Resten des Christentums, vom Neu-Heidentum und dem Islam bestimmtes Land werden. Sicher ist diese Situation durch den staatlich verordneten Atheismus der DDR einzigartig in Europa.
Die neuen Zahlen zur Lage der evangelischen Kirche – erstmals gibt es hier weniger als 25 Millionen Christen – zusammen mit dem Anstieg der Austritte aus der katholischen Kirche über 93.000 Menschen im vergangenen Jahr – sagen eines mit großer Wucht: Es gibt keine Wiederkehr des Religiösen. Allenfalls des religiös Beliebigen. Ein diffuses religiöses Erwachen ist etwas anderes als das Bejahen einer Religion, ihrer dogmatischen und ethischen Grundsätze und das Engagement in einer Kultusgemeinschaft. Wer sich hier weiter etwas in die Tasche lügt, der hat den Knall nicht hören wollen.
Die Kirchen müssen ihre Öffentlichkeitsarbeit auf Missionsarbeit umstellen
Die Kirchen müssen nun das verstärkt suchen, was sie über die Jahrhunderte quasi ererbt schon immer für sich in Anspruch nehmen konnten und hatten: Öffentlichkeit. Der Diskurs in der Gesellschaft heute spielt sich in den Medien, auf den virtuellen Marktplätzen ab, bei Empfängen und in der Frühstückspause. Die Kirchen, die ja noch über eine Armada an Medienbeauftragten verfügt, müssen zu Ideen und Konzepten kommen, wie man diese Menschen erreicht. Das ist, man verzeihe mir dieses Wort, Mission. Die Kirchen müssen wieder missionieren in einem Land, dessen Bewohner vor langer Zeit das Christentum bereits angenommen haben, es nun aber vergessen haben. Ob die Mission aufgrund dieser Ausgangslage einfacher ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall müssen die Kirchen die Realität anerkennen und ihre Öffentlichkeitsarbeit auf Missionsarbeit umstellen.
Alexander Görlach
leitet das Online-Ressort des Magazins Cicero