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glaubenslust – Der Tag


Kommentar von Ostkirchenfachmann Pater Max Cappabianca OP (Rom)

Wann trifft der Papst den russischen Patriarchen?

Schon Johannes Paul II. soll eine Begegnung ersehnt haben, und angeblich steht auch bei Papst Benedikt XVI. ein Treffen mit dem frisch gewählten Patriarchen Kyrill, den er persönlich kennt, ganz oben auf der Prioritätenliste. Allerdings sagte erst jüngst der "Außenminister" des russisch-orthodoxen Patriarchats, Erzbischof Hilarion Alfeyev, ein solcher Besuch sei "derzeit unmöglich", und auch der "Ökumeneminister" des Vatikan, Walter Kardinal Kasper, mahnt immer wieder zur Geduld

Foto: Pater Max Cappabianca
P. Max Cappabianca: "Nach Jahrzehnten der Isolation bedarf es der Geduld"

 Schon Johannes Paul II. soll eine Begegnung ersehnt haben, und angeblich steht auch bei Papst Benedikt XVI. ein Treffen mit dem frisch gewählten Patriarchen Kyrill, den er persönlich kennt, ganz oben auf der Prioritätenliste. Allerdings sagte erst jüngst der „Außenminister“ des russisch-orthodoxen Patriarchats, Erzbischof Hilarion Alfeyev, ein solcher Besuch sei „derzeit unmöglich“, und auch der „Ökumeneminister“ des Vatikan, Walter Kardinal Kasper, mahnt immer wieder zur Geduld.

Nicht von heute auf morgen

Den Außenstehenden mag diese Zögerlichkeit befremden. Wäre es nicht an der Zeit, über seinen Schatten zu springen und ein Zeichen für den Dialog zu setzen? Warum geht nicht, was Katholiken und Protestanten seit Jahrzehnten praktizieren: regelmäßige Spitzentreffen, um über alle wichtigen Fragen zu sprechen? Verstehen kann man diese Vorsicht nur, wenn man nicht vergisst, dass Entfremdungen nicht von heute auf morgen überwunden werden können. In Deutschland ist es noch kein Menschenleben her, dass Protestanten und Katholiken sich mit großem Argwohn betrachteten; Mischehen führten nicht selten zu persönlichen Tragödien, und die „ökumenischen“ Beziehungen waren vor allem von Vorurteilen geprägt. Wenn es heute in Deutschland zu Verstimmungen zwischen Protestanten und Katholiken kommt, so kann die solide gemeinsame ökumenische Basis doch nicht zerstört werden. Grade die jüngsten Ereignisse zeigen dies eindrucksvoll.

Gegenseitige Unkenntnis

Was weiß der interessierte Christ in Deutschland über russisch-orthodoxe Christen? Recht wenig, denn es gibt historisch wenig Berührungspunkte: In Deutschland lebten früher kaum Orthodoxe. Umgekehrt gilt dasselbe: In der russisch-orthodoxen Kirche weiß man wenig über die katholische Kirche, und vieles ist noch von alten Vorurteilen geprägt. Dazu kommt, dass in den Jahren des Kommunismus in Russland Christen brutal verfolgt wurden, und erst nach dem Ende der Sowjetunion konnten die Kirchen wieder neuen Atem schöpfen.

Hintergründe für die Zurückhaltung

Viele dachten, dass die neue Freiheit auch einen neuen ökumenischen Frühling ermöglichen würde. Doch das Gegenteil passierte: Die Stimmung kühlte ab. Die Gründe sind vielfältig:

·    In Russland fürchtete man, die katholische Kirche könnte Gläubige „abwerben“ – das ist mit dem abschätzigen Wort „Proselytismus“ gemeint. Schon die Einrichtung von katholischen Bistümern in Russland vor einigen Jahren wurde von der russisch-orthodoxen Kirche als Provokation empfunden.

Foto: Ullstein Bild
Ein Treffen mit dem Patriarchen Kyrill steht für den Papst ganz oben auf der Liste (Foto: Ullstein Bild)

·    In der Ukraine – wo die Wurzeln der russisch-orthodoxen Kirche liegen – ist es aus geschichtlichen Gründen zu komplizierten Spaltungen gekommen: Mittlerweile gibt es zwei katholische und drei orthodoxe Konfessionen, von denen die eine mit Moskau verbunden ist! Die Situation ist verfahren, obwohl alle Seiten an einer Lösung des Problems interessiert sind.

·    Der neue Patriarch gilt als der Ökumene aufgeschlossen. In der Tat ist Kyrill oft Papst Benedikt XVI. begegnet, als er noch „Außenminister“ des Patriarchats unter seinem Vorgänger Alexij II. war. Aber auch er muss nun seine Kirche zusammenhalten. Im Innern seiner Kirche gibt es Konservative, die von einer Begegnung mit dem Papst vor den Kopf gestoßen würden. Auch die muss er mitnehmen. Russisch-orthodoxe Traditionalisten sehen den Vatikan als „häretisch“ an, also vom Glauben abgefallen! 

Moskau will es

Tatsache ist: Moskau will das Treffen. Wiederholt hat der junge und dynamische Erzbischof Hilarion, gesagt, dass seine Kirche bereit sei, „dafür zu sorgen, dass das Treffen stattfindet“. Aber eine solche Begegnung wird eher das Ergebnis einer positiven Entwicklung sein, und nicht so sehr ein Mittel, um die Annäherung zu erzwingen. 

An einem Strang ziehen

Frischen Wind erhält die Ökumene seit einiger Zeit durch die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen in Europa, mit denen beide Kirchen zu kämpfen haben. Der Wind ist rauer geworden auf dem alten Kontinent: Das jüngste Kruzifixurteil des EU-Menschenrechtshofs in Straßburg  (das übrigens auch für Russland gilt!) ist dafür nur ein Symptom. Die russisch-orthodoxe und die katholische Kirche ziehen schon jetzt in Sachen Bioethik, Menschenrechte und christliche Kultur meist an einem Strang. Beide Kirchen hegen die Vision, das spirituelle Erbe Europas – am besten gemeinsam – in die Zukunft zu tragen, um ein  Europa „ohne Gott“ zu verhindern.

Hoffnungszeichen

Es ist also besser, nicht nur auf äußerliche Zeichen der Annäherung zu hoffen. Ökumene geschieht im Alltag und an der Basis. Nach Jahrzehnten der Isolation bedarf es des gegenseitigen Kennenlernens in Geduld, bis hinein in die einzelnen Gemeinden. Man muss miteinander Leben teilen und gemeinsam um die Einheit beten. Denn für Christen ist Gott allein es, der die Einheit schenkt.

  

6.11. 2009 P. Max. I. Cappabianca OP ist Dominikaner. Er arbeitet in der vatikanischen Kongregation für die Ostkirchen.




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