Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Kirchenmusik ist so vielfältig wie nie

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Mittwoch, 22. Februar 2012 Margareta, Isabella
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Kirche und Musik

Kirchenmusik ist so vielfältig wie nie

Menschen singen auch heute noch gerne Werke der Kirchenmusik. Das erklärt Dr. Marius Schwemmer, Vizepräsident des Cäcilienverbandes im Liborius.de-Interview.

Dr. Marius Schwemmer ist Vizepräsident des Cäcilienverbandes.
Dr. Marius Schwemmer ist Vizepräsident des Cäcilienverbandes.

Singen Menschen heute noch gerne kirchenmusikalische Werke?
Auf jeden Fall! Die Gründe dafür sind so vielfältig, wie die Chorgruppierungen, in denen sich Menschen heute als Sänger kirchenmusikalischer Werke engagieren: Sie reichen von den Sängerinnen und Sängern in den Kirchenchören, die regelmäßig mit Motetten und Messvertonungen aus persönlichen Engagement für die musikalische Gestaltung der Liturgie dieser bereichern, über Scholen, die sich dem Gregorianischen Choral, seiner Interpretation und Pflege verbunden fühlen, Bands mit Sängerinnen und Sängern, die sich dem Neuen Geistlichen Lied oder christlicher Pop- und Rockmusik widmen, bis hin zu ambitionierten und musikinteressierten Perso¬nen, die in Oratorien- oder Projektchören bei der konzertanten Aufführung herausragender Werke der (Kirchen-)Musikgeschichte mitwirken, um nur einige Beispiele zu nennen.

Man hat den Eindruck das Durchschnittsalter in Chören steigt stetig. Gilt das auch für Kirchenchöre?
Ihre Beobachtung stimmt für eine merkliche Zahl „klassischer Kirchenchöre“: Während immer mehr von ihnen u.a. aus dem von Ihnen genannten Grund um ihre Existenz kämpfen, ist die Zahl der Kinder- und Jugendchöre in Deutschland in den letzten beiden Jahrzehnten explodiert. Und das nicht nur an den Bischofskirchen. Auch jenseits dieser sind sie erfreulicher Weise inzwischen aus der Liturgie der Kirche und dem kulturellen Leben der Städte nicht mehr wegzudenken. Zusammen mit einer in leicht steigenden Zahl von Choralscholen und einer deutlich zunehmenden Zahl kirchlicher Instrumentalensembles und Projektchören hat die Gesamtzahl der Chorgruppierungen - entgegen der sinkenden Kurve bei den Kirchenchören - in den letzten zehn Jahren in der katholischen Kirche in Deutschland stark zu- und das Gesamtdurchschnittsalter stark abgenommen. Darüber hinaus ist die größte kirchliche Gruppierung die der Kirchenmusik!

1868 wurde der Allgemeine Cäcilien-Verband für Deutschland (ACV) gegründet. Welche Herausforderungen sieht Ihr Verband im Zuge der innerkirchlichen Umstrukturierungen und Neuorientierungen?

Der ACV will nach wie vor die Bedeutung und den Stellenwert von Musik im Gottesdienst und in der Gemeindearbeit auf verschiedenen Wegen bewusst zu machen. Dazu zählen u. a. kirchenmusikalische Fachtagungen, Publikationen oder Anregungen zu kirchenmusikalischen Kompositionen und Forschungen. Wir unterhalten zudem Kontakte zur evangelischen Kirche und gesellschaftlich renommierten Körperschaften wie dem Deutschen Musikrat und der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Chorverbände (ADC), um so das Verständnis für Kirchenmusik in der Öffentlichkeit zu fördern. Neben der großen Initiative „Singen mit Kindern“ ist unser derzeitiges Hauptthema die aktuellen schul- und bildungspolitischen Herausforderungen, die sich z.B. durch die Ganztagsschule oder verkürzte Gymnasialzeit ergeben. Die Entwicklung dieser Bildungspolitik speziell im musikalischen Bereich führt zu Existenzproblemen von der Früherziehung über den gesamten Schulbereich bis hinein in die Musikhochschulen. Überall dort wie auch auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendchöre sind Defizite drastisch spürbar.
Bereits in seiner Münsteraner Erklärung von 2008 begrüßte der ACV die in der Enquete‐Kommission des Deutschen Bundestages aufgestellte Forderung, musikalische Bildung in der Schule mit außerschulischen Kooperationspartnern zu verknüpfen. In der Fortsetzung dieser verabschiedete der ACV, der die deutsche Kulturlandschaft, zu der die kirchlichen Musikgruppen entscheidend beitragen, massiv gefährdet sieht, 2011 die sog. „Paderborner Erklärung“, die sich an die Kultusministerkonferenz, an die Bundesländer, an die Diözesen und an den Deutschen Musikrat wendet.

Ihr Verband gehört zu den Mitbegründern der Initiative „Singen mit Kindern“. Was wollen Sie mit diesem Engagement erreichen?
Diese Initiative als einer unserer thematischen Arbeitsschwerpunkte soll verdeutlichen, für wie zentral der Dachverband katholischer Chöre das Singen mit Kindern und Jugendlichen hält. Auch wenn es natürlich das Anliegen aller kirchenmusikalischer Institutionen ist, die bestehende Vielfältigkeit zu erhalten und durch Nachwuchsförderung auszubauen, geht es uns dabei nicht primär um die Gewinnung des kirchenmusikalischen Nachwuchses. Bedeutender für uns als dieses Erziehen zur Musik ist das Singen mit Kindern als Faktor der musischen Bildung und kulturellen Sozialisation Heranwachsender allgemein. Dieses Erziehen durch Musik hat für die Kirche natürlich auch die große Bedeutung, den jungen Menschen christliche Glaubensinhalte im Sinne der Glaubensbotschaft und des christlichen Menschenbildes durch Musik zu vermitteln, wie es die Bischöfe 2010 in ihrer Arbeitshilfe Kinder singen ihren Glauben betont haben. Bei der Initiative „Singen mit Kindern“ ist das Ziel zudem eine inner- und außerkirchliche Bestandsaufnahme mit handfesten Ergebnissen für die kirchenmusikalische Ausbildung und die Fortbildung von Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern - wenn möglich unter lokaler Vernetzung von Kirche, Schule, Musikschule und Kindergarten.

Welche kirchenmusikalische Literatur bevorzugen die Sänger ihres Verbandes? Sind das immer noch die klassischen Werke oder gibt es einen Trend in Richtung Moderne oder etwa Gospel?
50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die Kirchenmusik heute so vielfältig wie noch nie. Die Stilpluralität in der Gesellschaft spiegelt sich auch in der Kirchenmusik wieder. So kann nicht ein bestimmter Stil für die Sänger des ACV als charakteristisch benannt werden, und das ist auch gut so. Wie in der ersten Antwort schon dargestellt, umfasst das Repertoire unserer Sängerinnen und Sänger - natürlich je nach persönlicher Vorliebe -  im Gesamten die ganze kirchenmusikalische Bandbreite: Vom Gregorianischen Choral über die Werke der klassischen Vokalpolyphonie, die figurale Kirchenmusik, geistliche Werke der Romantik sowie zeitgenössische Kirchenmusik als Ausdruck des heute gelebten Glaubens. Und auch diese teilt sich wieder in unterschiedliche Stilgattungen auf, die von Neuem Geistlichen Lied, der „ernsten Chormusik“ über Sakropop, Gospel etc. reicht.

Ihr Verband gibt sechs Mal im Jahr die Zeitschrift Musica sacra heraus. Welchen Schwerpunkt hat Ihr Verbandsorgan und welche Neuerungen erwarten Ihre Leser in der nahen Zukunft?
Die Musica sacra ist nicht nur die Verbandszeitschrift des ACV, sondern auch die deutschlandweite einzige Fachzeitschrift für katholische Kirchenmusik. Daher informieren wir unterhaltsam alle zwei Monate neu über alle Themengebiete der Kirchenmusik und Liturgie, bieten wissenschaftlich fundierte und zugleich allgemein verständliche Aufsätze, Berichte aus dem kirchenmusikalischen Leben, Tipps für die Praxis, Einstudierungshilfen zu praktikablen Kirchenmusikwerken, Rezensionen von CDs, Noten und Büchern, die Vorstellung für die kirchenmusikalische Praxis interessanter Internetseiten und vieles mehr. In jeder seit diesem Jahrgang auch im Innteil farbig gestalteten Ausgabe bieten wir eine Notenbeigabe für die kirchenmusikalische Praxis an. Der Downloadbereich unserer vor einem Monat komplett überarbeiteten, und damit auch auf dem neusten Stand sich befindenden Homepage im Internet umfasst zu jeder Ausgabe Noten- und Hörbeispiele. Neben diesem Serviceportal sind wir ab sofort auch bei facebook zu finden. Wir wollen unseren Leserinnen und Lesern die Möglichkeit bieten, sich ständig weiter zu bilden und bieten ihnen einen Blick über die eigene Empore hinaus. 

Zum Abschluss sei uns die Frage nach Ihrem persönlich liebsten Chorwerk gestattet?
Das ist gar nicht so leicht zu beantworten: Es gibt so viele außergewöhnliche Chorwerke aller Epochen und ich lerne immer wieder neue beeindruckende Kompositionen kennen, so dass es mir sehr schwer fällt, mich auf ein Lieblingsstück festzulegen. Dennoch hat mich eines in einer unbeschreiblichen Art und Weise berührt, als ich es das erste Mal hörte, und macht es auch heute noch nach wie vor: Die Motette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ (BWV 226) von J. Sebastian Bach.

Hintergrund: Der 1868 gegründete Allgemeine Cäcilienverband für Deutschland bemüht sich gerade heute, in Zeiten großer innerkirchlicher Umstrukturierungen und Neuorientierungen, die Bedeutung und den Stellenwert von Musik im Gottesdienst und in der Gemeindearbeit bewusst zu machen, u. a. durch kirchenmusikalische Fachtagungen, Publikationen wie die Musica sacra und das Kirchenmusikalische Jahrbuch oder Anregungen zu kirchenmusikalischen Kompositionen und Forschungen. Er unterhält Kontakte zur evangelischen Kirche und gesellschaftlich renommierten Körperschaften wie dem Deutschen Musikrat und der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Chorverbände (ADC) und fördert das Verständnis für Kirchenmusik in der Öffentlichkeit.


Schöne Werke der Kirchenmusik finden Sie auf unserem Online-Portal GLORIA.




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