Auf der einen Seite sorgt zum Beispiel das Nein zum Afghanistan-Einsatz der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, für große Aufregung. Auf der anderen Seite ist Deutschland nach wie vor unter großem Druck, den internationalen Erwartungen der Verbündeten nachzukommen und den verschärften Sicherheitsbedingungen vor Ort gerecht zu werden. Bei all diesen großen Herausforderungen rückt die Frage “Warum sind wir überhaupt in Afghanistan?“ fast in den Hintergrund. Aber können wir das noch zufriedenstellend beantworten?
Bis 2001 Hochburg des Terrorismus
Im Kampf gegen den Terrorismus, Al-Quaida und die Taliban hat sich Deutschland im Jahr 2001 bei der Afghanistan-Konferenz auf dem Bonner Petersberg dem internationalen Bestreben angeschlossen, Afghanistan mit Hilfe der Vereinten Nationen und der vom Sicherheitsrat neu aufgestellten internationalen Truppe International Security Assistance Force (ISAF) beim Wiederaufbau dauerhafter Regierungsinstitutionen zu unterstützen. Bis 2001 war Afghanistan die Hochburg des Terrorismus und rückte mit den Anschlägen vom 11. September schlagartig in das Visier der internationalen Sicherheitsgemeinschaft. Seitdem gilt der Einsatz der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan dem Ziel, der Schreckensherrschaft und einem Erstarken des Taliban-Regimes Einhalt zu gebieten.
Der Beitrag Deutschlands
Deutschland verfolgt bei seiner Afghanistan-Mission drei Ziele: Unterstützung beim zivilen Wiederaufbau, dies im Rahmen einer vernetzten Sicherheit zu tun und die Verteidigung deutscher Sicherheitsinteressen. Der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck fasste 2004 diese Ziele mit den inzwischen legendären Worten zusammen, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt. Die Bundeswehr soll die afghanischen Staatsorgane dabei unterstützen, Sicherheit und Ordnung in der Nordregion Afghanistans zu schaffen und aufrechtzuerhalten – insbesondere durch die Ausbildung von Sicherheitskräften.
Dem liegt das Konzept zugrunde, dies im Rahmen der sogenannten vernetzten Sicherheit zu tun. Das meint das Miteinander von wirtschaftlicher Entwicklung und Sicherheit, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer ersten und bisher einzigen Regierungserklärung zum Thema Afghanistan im September 2009 etwas vage festhielt. Konkret bedeutet vernetzte Sicherheit, dass die Bundeswehr ihre militärischen und zivilen Maßnahmen mit der afghanischen Regierung sowie weiteren relevanten Organen und Kräften koordiniert. Dabei ist es das Bestreben, Afghanistan nicht wieder zum Ruhe-, Rückzugs- und Regenerationsraum für den internationalen Terrorismus werden zu lassen – und dient damit unmittelbar dem deutschen Interesse.
Die zahlreichen und intensiven Diskussionen um den Afghanistan-Einsatz aber zeigen, dass es nicht so einfach ist, für diese anspruchsvollen Ziele die Akzeptanz in der Bevölkerung zu gewinnen. Es sind eher Fragen, wie diese, die die Deutschen bewegen: Herrscht in Afghanistan Krieg oder doch eher „nur“ kriegsähnliche Zustände? Sind unsere Soldaten für den dortigen Einsatz richtig vorbereitet und auch ausgestattet? Funktioniert die Strategie der vernetzen Sicherheit überhaupt in der Praxis? Offensichtlich scheinen sich die Regierungsmitglieder über diese Fragen nicht ganz einig zu sein – so wenig wie Vertreter der Gesellschaft, der Kirchen und Medien.
Tina Höfinghoff ist Politikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Transatlantische Beziehungen, Außen- und Sicherheitspolitik
Die Afghanistan-Serie im Überblick:
Teil I: Warum sind wir in Afghanistan?
Teil II: Keine Demokratie für Afghanistan
Teil III: Eine Frage des Rechts
Teil IV: Kunduz und die Folgen
Teil V: Trauma Afghanistan
Teil VI: Dürfen Christen Krieg führen?
Afghanistan VI: Dürfen Christen Krieg führen?
Wo ist Gott in Afghanistan?
Lesen Sie in der nächsten Ausgabe des Liborius Magazins die große Reportage aus dem Bundeswehr-Camp in Mazar-e-Sharif. Wir begleiten den katholischen Militärpfarrer Andreas Ginzel bei seiner schwierigen Mission und fragen Soldaten im Einsatz: Dürfen Christen töten