Der Augsburger katholische Bischof Walter Mixa hatte zunächst davor gewarnt, Kindesmissbrauch zu einem vornehmlich kirchlichen Problem zu machen. In Deutschland habe es seit 1995 insgesamt rund 210.000 polizeilich registrierte Fälle gegeben, sagte der Bischof der «Augsburger Allgemeinen» vom Dienstag. Der Anteil der Vorkommnisse in kirchlichen Einrichtungen liege dabei in einem «verschwindend geringen» Promille-Bereich. Das solle aber keinen einzigen Fall verharmlosen, betonte der Bischof, rücke jedoch die Verhältnisse ins rechte Licht.
Die Kirche muss nach Ansicht Mixas klar sagen, dass sexueller Missbrauch von Kindern ein «abscheuliches Verbrechen» ist. Auch verstoße ein Priester oder kirchlicher Mitarbeiter durch eine solche Tat gegen die Gebote Gottes und seiner Kirche sowie gegen die Personenwürde des Menschen. Zugleich gelte es darauf hinzuweisen, dass menschliche Sexualität entsprechend der kirchlichen Lehre eng verbunden sein müsse mit Liebe, Vertrauen und gegenseitiger Achtung. Sie dürfe nicht zur einseitigen Triebbefriedigung missbraucht werden. Die Kirche brauche eine offene Diskussion über dieses Thema nicht zu scheuen.
Weiter verwies der Bischof darauf, dass sexueller Missbrauch von Minderjährigen leider ein verbreitetes gesellschaftliches Übel geworden sei. Es finde sich in der Familie, der Schule und im Sportverein. Nicht ganz unschuldig daran ist seiner Ansicht nach die zunehmende Sexualisierung der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren, die auch abnorme sexuelle Neigungen eher fördere als begrenze. Diese letzte Äußerung war es, die für Kritik sorgte.
Reaktionen: "Historisch absurd"
Bischof Franz-Josef Bode etwa korrigierte, richtig sei, dass die Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten viel sexualisierter geworden sei. Allerdings habe auch die Kirche mit ihrer Sexualmoral nicht immer differenziert genug reagiert. Der Bischof wies zugleich jeden Zusammenhang zwischen der Ehelosigkeit der Priester und den Missbrauchsfällen zurück.
Die Grünen kritisierten Mixas Äußerungen scharf. Die Thesen des Augsburger Bischofs seien «historisch absurd», sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, Volker Beck, dem Berliner «Tagesspiegel». Die Probleme der katholischen Kirche seien viel älter als die sexuelle Befreiung. Ursache der Vorfälle sei die systematische Unterdrückung der Sexualität.
Auch bei der «Kirchenvolksbewegung» stießen Mixas Äußerungen auf Unverständnis. Sexuelle Gewalt gegen Kinder auch in Internaten habe es «lange vor der sexuellen Revolution gegeben», sagte Christian Weisner von «Wir sind Kirche» der «Frankfurter Rundschau» (Mittwoch). Offenbar sei dem Bischof die «Dimension des Problems nicht klar».
Jesuiten drücken im Gebet Scham und Trauer aus
Die Ansprechpartnerin der Jesuiten für Missbrauchsfälle, Ursula Raue, kündigte unterdessen an, an diesem Donnerstag in Berlin einen Zwischenbericht zu den Fällen vorzulegen. Nach Angaben der Rechtsanwältin meldeten sich bislang bei ihr mehr als 100 Opfer aus ganz Deutschland.
Für Aschermittwochabend haben die Jesuiten anlässlich der Missbrauchsfälle in ihren Gymnasien zu einem Gebet in die Kirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee eingeladen. «Wir möchten in stillem Gebet vor Gott und der Öffentlichkeit unsere Scham und Trauer ausdrücken über die Schuld einzelner Jesuiten und die Katastrophe des institutionellen Wegsehens», heißt es in der Ankündigung.