Schon Johannes Paul II. soll eine Begegnung ersehnt haben, und angeblich steht auch bei Papst Benedikt XVI. ein Treffen mit dem frisch gewählten Patriarchen Kyrill, den er persönlich kennt, ganz oben auf der Prioritätenliste. Allerdings sagte erst jüngst der „Außenminister“ des russisch-orthodoxen Patriarchats, Erzbischof Hilarion Alfeyev, ein solcher Besuch sei „derzeit unmöglich“, und auch der „Ökumeneminister“ des Vatikan, Walter Kardinal Kasper, mahnt immer wieder zur Geduld.
Nicht von heute auf morgen
Den Außenstehenden mag diese Zögerlichkeit befremden. Wäre es nicht an der Zeit, über seinen Schatten zu springen und ein Zeichen für den Dialog zu setzen? Warum geht nicht, was Katholiken und Protestanten seit Jahrzehnten praktizieren: regelmäßige Spitzentreffen, um über alle wichtigen Fragen zu sprechen? Verstehen kann man diese Vorsicht nur, wenn man nicht vergisst, dass Entfremdungen nicht von heute auf morgen überwunden werden können. In Deutschland ist es noch kein Menschenleben her, dass Protestanten und Katholiken sich mit großem Argwohn betrachteten; Mischehen führten nicht selten zu persönlichen Tragödien, und die „ökumenischen“ Beziehungen waren vor allem von Vorurteilen geprägt. Wenn es heute in Deutschland zu Verstimmungen zwischen Protestanten und Katholiken kommt, so kann die solide gemeinsame ökumenische Basis doch nicht zerstört werden. Grade die jüngsten Ereignisse zeigen dies eindrucksvoll.
Gegenseitige Unkenntnis
Was weiß der interessierte Christ in Deutschland über russisch-orthodoxe Christen? Recht wenig, denn es gibt historisch wenig Berührungspunkte: In Deutschland lebten früher kaum Orthodoxe. Umgekehrt gilt dasselbe: In der russisch-orthodoxen Kirche weiß man wenig über die katholische Kirche, und vieles ist noch von alten Vorurteilen geprägt. Dazu kommt, dass in den Jahren des Kommunismus in Russland Christen brutal verfolgt wurden, und erst nach dem Ende der Sowjetunion konnten die Kirchen wieder neuen Atem schöpfen.
Hintergründe für die Zurückhaltung
Viele dachten, dass die neue Freiheit auch einen neuen ökumenischen Frühling ermöglichen würde. Doch das Gegenteil passierte: Die Stimmung kühlte ab. Die Gründe sind vielfältig:
· In Russland fürchtete man, die katholische Kirche könnte Gläubige „abwerben“ – das ist mit dem abschätzigen Wort „Proselytismus“ gemeint. Schon die Einrichtung von katholischen Bistümern in Russland vor einigen Jahren wurde von der russisch-orthodoxen Kirche als Provokation empfunden.