Turin (KNA) «Ein Zeichen der Hoffnung": So bezeichnete Papst Benedikt XVI. jenes geheimnisvolle Leinen mit dem Abbild eines gekreuzigten Mannes, das als Turiner Grabtuch bekannt ist. Das Leinen erinnere auf eindrückliche Weise daran, dass Christus das Leid der Menschen teile, sagte er am Sonntag in seiner Predigt während einer Messe in der Turiner Innenstadt.
Rund drei Wochen nach Eröffnung der Grabtuch-Ausstellung ist Papst Benedikt XVI. in die norditalienische Industriestadt gereist. Vor ihm haben schon Hunderttausende Besucher aus aller Welt das berühmte Leinen gesehen. Massenaufläufe wie am Sonntag, als rund 25.000 Menschen mit dem Papst auf der Piazza San Carlo Gottesdienst feierten, gehören in der Turiner Innenstadt mittlerweile fast zum Alltag: Seit dem 10. April strömen täglich Zehntausende Pilger in den Dom. Allein in den ersten zwei Wochen haben rund 450.000 Besucher aus aller Welt das Grabtuch gesehen. Unter den Gästen waren der Wiener Kardinal Schönborn, der italienische Außenminister Franco Frattini, Spieler von «Juventus Turin» und sogar eine Gruppe junger Muslime. Insgesamt rechnet das Erzbistum Turin bis zum Ende der Ausstellung am 23. Mai mit mehr als zwei Millionen Besuchern.
In seiner Predigt machte der Papst deutlich, was aus kirchlicher Sicht letztlich entscheidend ist, nämlich die Frage: Welche Botschaft geht von dem Grabtuch aus? Nach den Worten des Kirchenoberhauptes ist es die Botschaft vom auferstandenen Christus, der durch seinen Kreuzestod alle Leiden überwunden habe. Vor seinem Besuch in Turin sprach Benedikt XVI. vom Grabtuch als «Hilfe für den Glauben».
Papst Benedikt XVI. wies darauf hin, dass die menschlichen Nöte mit dem Leiden Christi untrennbar verbunden seien. Wer das Grabtuch betrachte, der erkenne in den Schmerzen Jesu seine eigene schwierige Situation wieder, sagte der Papst. Als Ursachen menschlichen Elends hob er insbesondere Armut, Arbeitslosigkeit und Angst vor der Zukunft hervor. Vor allem betroffen seien Familien, Kinder und Alte sowie Migranten, sagte der Papst in Turin, das als Industriestadt die Folgen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise besonders spürt. Auch persönlich suchte Benedikt XVI. die Begegnung mit Leidenden. So stand nach dem Besuch beim Grabtuch eine Begegnung mit Kranken in einem Pflegeheim auf dem Programm.
Zur Frage der Echtheit des Grabtuches, das seit 1578 in Turin aufbewahrt wird, äußerte sich das Kirchenoberhaupt nicht. Dessen Ursprung und Herkunft sind unter Wissenschaftlern weiterhin strittig. Sicher bezeugt ist seine Existenz seit der Mitte des 14. Jahrhunderts in Frankreich. Die Vorgeschichte bleibt Vermutung. Einige Fachleute nehmen an, das Leinen sei identisch mit dem sogenannten Abgar-Tuch, das im frühen Mittelalter in Edessa, dem heutigen Urfa im Südosten der Türkei verehrt wurde. Von dort soll es im 10. Jahrhundert nach Konstantinopel gelangt sein, wo sich seine Spuren 1204 nach der Plünderung durch die Teilnehmer des 4. Kreuzzuges verlieren. Andere Fachleute berufen sich hingegen auf das Ergebnis einer Radiokarbondatierung aus dem Jahr 1988, nach der das Grabtuch aus der Zeit zwischen 1260 und 1390 stammen soll.
Mit dem Verzicht auf eine Stellungnahme zu Alter und Herkunft des Grabtuches stellt sich Benedikt XVI. in die Tradition seines Vorgängers Johannes Pauls II. Der Wojtyla-Papst hatte 1998 in Turin hervorgehoben, dass allein die Wissenschaft über die Echtheit des Leinens befinden könne. Die Kirche besitze für diese Aufgabe keine «besondere Kompetenz». Zugleich rief Johannes Paul II. die Wissenschaftler auf, das Grabtuch ohne weltanschauliche Vorurteile zu untersuchen und die Gefühle der Gläubigen zu respektieren.
Besucherzahlen sind nicht alles. Das große Interesse am Grabtuch könnte nach den Worten des Papstes jedoch der Grundstein für eine «tiefgreifende geistliche Erneuerung» legen. Für eine solche bete er, sagte Benedikt XVI. in Turin.