Osnabrück/Frankfurt (KNA) Innenexperten von Union und SPD haben ein Ende des «hysterischen» Schlagabtauschs um Thilo Sarrazin und die Rückkehr zu einer sachlichen Integrationsdebatte angemahnt. «Ich rate dringend dazu, die offenkundige Besorgnis in der Bevölkerung ernst zu nehmen und darauf Antworten zu finden», sagte der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag, Wolfgang Bosbach (CDU), der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Freitag). Statt hysterischer Debatten um Personen bedürfe es «einer seriösen Diskussion, die Fortschritte und Probleme bei der Integration ohne Tabus benennt», forderte Bosbach.
Tatsache sei, dass es millionenfach gelungene Integration gebe, «aber auch zu viele Fälle von Integrationsverweigerung». Der Unionsexperte nannte das Beispiel verpflichtender Sprachkurse für Ausländer, die Sozialleistungen beziehen. «Fast ein Drittel derjenigen, die zu Sprachkursen verpflichtet wurden, damit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt steigen, kommen nicht oder brechen den Kurs vorzeitig ab». Hier bestehe eine Bringschuld der Migranten, die man auch benennen müsse.
Der innenpolitische Sprecher der SPD, Dieter Wiefelspütz, sagte dem Blatt, Integration sei «das Mega-Thema der nächsten Jahre». Es müsse mit mehr Nachdruck vorangetrieben werden. Obwohl Deutschland besser als viele andere EU-Länder dastünde, sei das Machbare längst nicht erreicht, kritisierte Wiefelspütz. «Insbesondere der Bundesinnenminister ist zu passiv. Er muss das Thema Integration endlich an die Spitze seiner Agenda setzen.»
Derweil untermauern Studien, dass Sarrazin für einige seiner Thesen mit großer Zustimmung der Bundesbürger rechnen kann. Nach Angaben des Sozialforschers Andreas Zick von der Universität Bielefeld stimmen bis zu 50 Prozent einigen Positionen Sarrazins zu. Zick verwies in der «Frankfurter Rundschau» (Freitag) auf die Bielefelder Langzeitstudie zu «Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit», in der seit Jahren bestehende Vorurteile gegenüber Fremden untersucht werden. Demnach finde jeder zweite Bundesbürger, in Deutschland lebten zu viele Zuwanderer; nur 16 Prozent meinten, die muslimische Kultur passe zur Mehrheitsgesellschaft. «Das sind sogar weniger als etwa in Ungarn oder den Niederlanden», erläuterte der Professor.