Vatikanstadt (KNA) Der vatikanische Flüchtlingsexperte Agostino Marchetto (70) hat sein Amt vorzeitig aufgegeben. Hintergrund ist offenbar eine Enttäuschung Marchettos über mangelnden Rückhalt in der Kurie. Der Erzbischof, seit 2001 Sekretär und damit zweitwichtigster Mann im päpstlichen Migrantenrat, bestätigte am Mittwoch der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) einen entsprechenden Bericht der Tageszeitung «Il Giornale» (Mittwoch) über seinen Rücktritt. Papst Benedikt XVI. habe den Amtsverzicht zu seinem 70. Geburtstag bereits am Samstag angenommen. Das vatikanische Presseamt lehnte einen Kommentar ab.
Auf die Frage nach seinen Motiven verwies Marchetto pauschal auf jüngere Vorgänge. «Ich glaube, dass alle die Interventionen des Presseamtes auf meine Äußerungen kennen», sagte er. Marchetto hatte wiederholt den Umgang Italiens mit Bootsflüchtlingen und das Vorgehen gegen Sinti und Roma als Menschenrechtsverletzungen kritisiert. Vatikansprecher Federico Lombardi stellte daraufhin bei verschiedenen Gelegenheiten klar, Aussagen eines einzelnen Kurienmitarbeiters repräsentierten nicht die offizielle Haltung des Vatikan.
Zuletzt hatte Marchetto die Ausweisung von Roma aus Frankreich deutlich kritisiert. Zu seiner Zukunft sagte der Erzbischof, er werde wieder wissenschaftlich arbeiten. Nachdem er früher über das Mittelalter geforscht habe, wolle er sich jetzt dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) zuwenden. Über einen möglichen Nachfolger im Migrantenrat wollte er sich nicht äußern.
Der aus dem norditalienischen Vicenza stammende Marchetto wurde bereits mit 23 Jahren Priester und trat 1968 in den diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls ein. 1985 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. (1978-2005) zum Vatikanbotschafter in Madagaskar und Mauritius. 1990 übernahm Marchetto die Funktion eines Pro-Nuntius in Tansania, 1994 wechselte er nach Weißrussland. Nach einer schweren Erkrankung 1996 berief ihn der Papst 1999 ins vatikanische Staatssekretariat; zwei Jahre erhielt er den Ruf in den Päpstlichen Rat für die Seelsorge an Migranten.