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10.09.10 12:30

Kommission fordert mutigeren Umgang der Kirche mit Missbrauch

 

Löwen (KNA) Die unabhängige Missbrauchs-Untersuchungskommission in Belgien hat Kirche und Justiz zu Verbesserungen beim Umgang mit Opfern sexuellen Missbrauchs durch Geistliche aufgerufen. Im am Freitag in Löwen vorgestellten Abschlussbericht fordert die Kommission unter anderem Änderungen bei den Verjährungsfristen und einen kirchlichen Solidaritätsfonds für die Opfer.

Die Kommission unter Leitung des Kinderpsychiaters Peter Adriaenssens war im Juni aus Protest zurückgetreten, nachdem die Justiz ihre sämtlichen 475 Fall-Akten beschlagnahmt hatte. Der jetzt vorgelegte Schlussbericht sei daher unvollständig, sagte Adriaenssens vor Journalisten. Die Beschlagnahmungen wurden später von der Justiz für unrechtmäßig erklärt.

Der ehemalige Kommissionspräsident erklärte, es seien keine Hinweise darauf gefunden worden, dass die Kirche versucht habe, Missbrauchsfälle systematisch zu vertuschen. Allerdings hätten in den Fällen, in denen sich Opfer an kirchliche Stellen gewandt hätten, Bischöfe und Ordensobere oft nicht angemessen reagiert. Das Schweigen sei ein Problem der gesamten Gesellschaft, so Adriaenssens.

Laut Kommissionsbericht fanden die meisten ihr gemeldeten Missbrauchsfälle in den 1960er und 1970er Jahren statt. Zwei Drittel der Opfer seien Männer, ein Drittel Frauen. Bei den männlichen Opfer hätten die sexuellen Übergriffe der Minderjährigen vor allem um ihr zwölftes Lebensjahr stattgefunden. Die Hälfte der Täter sei inzwischen verstorben.

Betroffen zeigte sich Adriaenssens über die hohe Zahl von Selbstmorden unter den Opfern. Der Kommission seien 13 Selbstmorde und 6 Selbstmordversuche gemeldet worden. In zahlreichen weiteren Fällen sei das spätere Leben der Opfer durch den Missbrauch stark beeinträchtigt worden, etwa bei Studium und Beruf oder Partnerschaft.

Der Kirche empfahl der Kinderpsychiater mehr Mut beim Umgang mit Missbrauchsvorwürfen. Eine Nachfolge-Initiative für seine Kommission solle auf Fälle von Gewalt und Misshandlung auszuweiten. Die Bischöfe müssten Täter noch nachhaltiger aufrufen, sich zu melden. Die Kirche müsse sich zudem intensiver mit der Frage befassen, welche internen Mechanismen das Risiko auf Machtmissbrauch vergrößerten. Die belgische Kirche will am Montag eine Nachfolge-Initiative für die Adriaenssens-Kommission vorstellen.

Unterdessen erklärte Belgiens geschäftsführender Justizminister Stefaan De Clerck, die Ermittlungen der Justiz zu Vertuschungsvorwürfen bei sexuellem Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiter müssten weitergehen. Vertuschung dürfe es nicht geben, sagte der flämische Zentrumspolitiker der Zeitung «De Standaard». Am Donnerstag hatte die Justiz entschieden, die spektakulären Beschlagnahmungen nicht nur bei der Untersuchungskommission, sondern auch beim Erzbistum Mechelen-Brüssel und bei Kardinal Godfried Danneels seien unrechtmäßig gewesen. Danneels erklärte, er stehe weiter der Justiz für ihre Fragen zur Verfügung.

Bischof Guy Harpigny von Tournai appellierte unterdessen an den Vatikan, gegen den wegen Missbrauchs seines Neffen zurückgetretenen Bischof Roger Vangheluwe von Brügge Kirchenstrafen zu verhängen. Der Fall liege seit Monaten bei der Glaubenskongregation. Diese müsse angesichts der Schwere des Falles zumindest die Öffentlichkeit informieren, in welchem Stadium das Verfahren sei, sagte der in der Bischofskonferenz für die Untersuchung von Missbrauchsfällen zuständige Bischof.


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