Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Einzelansicht
Noch zehn Minuten bis zum Beginn der Bibelarbeit in Halle C1. Doch plötzlich Unruhe unter den 6.000 Besuchern. Männer und Frauen mit Rucksäcken und orangen Schals stürzen Richtung Bühne. Von links bahnt sich ein Kegel aus Scheinwerfern mühsam den Weg, elf TV-Kameras surren, ungezählte Fotoapparate klicken. Dann tritt sie hervor aus der zum Kreis gehaltenen blauen Kordel, mit der Helfer sie abschirmen. Die zierliche Frau winkt und winkt in die jubelnde Menge. Margot Käßmann ist erschienen - und der Ökumenische Kirchentag (ÖKT) happy. Der erste größere öffentliche Auftritt der ehemaligen Landesbischöfin seit ihrer Promillefahrt vor drei Monaten ist perfekt.
Der evangelische ÖKT-Präsident Eckhard Nagel spricht von «einem besonderen Moment» und fügt andächtig hinzu: «Das spüren wir alle .» Trotz der «besonderen Ereignisse im Februar» und trotz aller Traurigkeit könne man jetzt feiern - nämlich, «dass Margot hier ist». Viel scheint nicht zu fehlen, dass jemand «santo subito» ruf t, was in etwa bedeutet hätte «Heiligsprechung sofort!».
Dann betritt die 51-Jährige von links die große Bühne. Sie trägt e in schwarzes, knieumspielendes Kleid, dazu einen schneeweißen Kurzblouson und Ballerinas. Sie freue sich, hier in München zu sein, sagt die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Artig bedankt sie sich für den herzlichen Empfang: «Das tut mir gut.» Mal scheint sie an diesem Tag den Rummel um ihre Person zu genießen, aber mal auch darunter zu leiden.
Wenig später im Frauenzentrum drängeln sich wieder die Fans um sie. Der eine steckt ihr einen Brief zu, die andere ein Geschenk in einer Plastiktüte, wieder ein anderer einen Bernstein in Form einer zerbrochenen Rakete. «Alles Gute», gibt ihm die Pastorin mit auf den Weg. Anspannung steht in ihrem Gesicht. Sie atmet tief durch. Und immer wieder dringen Sätze an ihr Ohr wie «Ich bewundere Sie», «S ie sind mein Vorbild» oder «Danke, dass Sie hier sind». Ulrike Wunderer-Seibel aus Rosenheim findet die Ex-Bischöfin «total menschlich». «Denn die Macht hat sie nicht verdorben.»
Prompt will in der Fragerunde jemand wissen, ob Machtverlust für Käßmann nicht plötzlich Ohnmacht bedeutet. Sie zögert einen Momen t, lacht und kontert: «Machtverlust bedeutet auch Freiheit.» Frisch, fromm, fröhlich und vor allem frei - so präsentiert sich Käßmann gerne. Rund 15 offizielle Termine hat sie auf dem Kirchentag. Manche allerdings auch abgesagt, etwa die Veranstaltung «Durst nach Leben» - wegen des Titels, wie es hinter vorgehaltener Hand heißt.
Die Theologin und vierfache Mutter kann sich leicht ausrechnen, für welche Schlagzeilen und Witzchen ihre Teilnahme dort gesorgt hätte. Sie steht mit beiden Beinen auf dem Boden, manchmal auch im Fettnäpfchen. Etwa wenn sie zweieinhalb Stunden vor Eröffnung des Kirchentags in München noch rasch ein Buch vorstellt. Das hat sie Punkte gekostet auf der unbarmherzigen «Richter»-Skala von Kirchen- und Medienleuten.
Menschen machen nun mal Fehler, das ist eine ihrer Botschaften vor wie nach ihrer Rückkehr. «Es geht nicht um Perfektionisten», betont sie in München. «Und wir dürfen uns selbst lieben als Mängelexemplare.» Dann zählt sie «dunkle Wolken» auf, die auch in ihrem Leben auftauchten: eine Krebserkrankung, eine Scheidung oder eine verlorene Liebe, «eine rote Ampel.» Lachen und Beifall in der Halle.
Wo immer Margot Käßmann dieser Tage in München auftritt, wird ihr symbolisch ein roter Teppich ausgelegt. Und hinter sich zieht sie das grüne Band der Sympathie quer durch die Stadt. Messegelände, Marienplatz, Isarvorstadt, Olympiazentrum - all das wird im Eiltempo zurückgelegt. Im schwarzen Dienstwagen und mit Begleittross. Doch manchmal, wenn ihr all der Rummel doch zu viel wird, dreht sich die Frau abrupt um und entschwindet durch den Hinterausgang.