«Bilder einer Sehnsucht»
Von Christoph Strack (KNA)
Er ist 1968 in Erfurt geboren, wuchs in der DDR auf, wurde nie getauft und bezeichnet sich selbst als «nicht gläubig». Und nun ist Michael Triegel der Maler des Papstes. Am Mittwoch begrüßte ihn Benedikt XVI. in der vatikanischen Audienzhalle - «da ist ja mein Raffael», so das Kirchenoberhaupt. Raffael (1483-1520) schuf von Julius II. (1503-1513) eines der berühmtesten Papstgemälde der Kunstgeschichte.
In gewisser Weise passt dieser Vergleich zum Werk des 41-jährigen. Denn zum Schaffen Triegels, das in vielem an große italienische Vorbilder erinnert, gehören neben mythologischen Motiven immer wieder biblische Bezüge. Fast scheinen es Bilder der Spätrenaissance.
1994 schuf Triegel ein «Abendmahl». Jesus, gesichtslos, alleine an der breiten, weiß gedeckten Tafel, vor einer dunklen Wand. Für ihn sei dies «eher ein tragisches Bild mit dem schwarzen Vorhang hinter der einsamen Christus-Figur», was vielleicht schon auf den Karfreitag hindeute. Die Gestalt und die Welt seien «nicht mehr zusammenzubekommen».
Mit seiner hohen Malkunst und der Aufgeschlossenheit für die christliche Bildtradition ist Triegel ein typischer Vertreter der Leipziger Schule. Auch er hat, gleich neben Neo Rauch, sein Atelier in der Leipziger Spinnerei. Und auch seine noch farbfrischen Werke kaufen Sammler gerne gleichsam von der Stange.
Nach Abitur und einer Berufstätigkeit als Buchmaler und Grafiker folgte ein Studium an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchgestaltung. Dort prägten ihn seine Lehrer Arno Rink und Ulrich Huchalla. Auch der ferne Einfluss des 2004 verstorbenen Werner Tübke ist spürbar. Von Triegel finden sich heute in vier Kirchen Gemälde. Den ersten dieser Aufträge - eine Ergänzung für einen gotischen Altar in Langreder bei Hannover - bekam er auf Empfehlung Tübkes. Zuletzt nahm das Bistum Würzburg 2009 in das neugestaltete Würzburger Neumünster einen «Triumphator» Triegels auf - über dem Kilianssarg aus dem achten Jahrhundert. Die Zusammenstellung ist so spannend wie stimmig.
Überhaupt Würzburg. Dem dortigen Dommuseum gehört eine umfassende Sammlung von Arbeiten Triegels, darunter auch das «Abendmahl» von 1994. Dort hing auch seine «Auferstehung» von 2002 - bis Bischof Friedhelm Hofmann es nach Protesten einschlägiger Kreise abhängen ließ. Das Bild zeigt Jesus in seiner Nacktheit, die auch bei manchen Arbeiten Michelangelos ganz natürlich dazugehört. «Ich, dem man mir eigentlich vorwirft, immer so ganz traditionell zu sein, der provoziert plötzlich, obwohl das gar nicht intendiert war...», blickt Triegel zurück. Der Künstler schrieb einen Offenen Brief und versuchte, das Werk zu erläutern.
Dass Hofmann selber im vorigen Sommer im Neumünster sprach, zeigt, dass sich die Wogen geglättet haben. Und Triegel erfuhr auch Zuspruch von anderer bischöflicher Seite. Im Frühsommer 2009 porträtierte er den Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller. Der sah das Auferstehungsbild, las Triegels Brief. Der Bischof habe, berichtet der Maler, ihn bestärkt, «dass an dem Bild gar nichts auszusetzen sei».
Auf den Bischof folgt nun der Papst. Das Gemälde Triegels ist für das in Regenburg ansässige «Institut Papst Benedikt XVI.» vorgesehen. Seit Montag ist Triegel im Vatikan, am Mittwoch zeichnete er während der Generalaudienz Skizzen. «Der Papst war schon darüber informiert, dass ich ein Bild von ihm malen sollte», berichtete er später.
Die Geschichte des Papstmalers, dessen Werken nun selbst die «Bild»-Zeitung nachspürt, hat viele Facetten. Sie erzählt vom produktiven Umgang der Kirche mit moderner Kunst, von der Kraft der DDR-geprägten Leipziger Malerschule oder von der Ahnenfolge großer Malerei über die Jahrhunderte. Dabei zeigt sich Triegel überzeugt, «dass Kultur immer aus dem Kultus kommt». Das habe im antiken Griechenland wie in der Renaissance gegolten. Und er spricht von der «großen Sehnsucht» nach Religion. Er male «keine Bilder einer Glaubensüberzeugung, sondern Bilder einer Sehnsucht».