Würzburg (KNA) Der emeritierte Passauer Pastoraltheologe Karl Schlemmer ist besorgt, dass die katholische Kirche die mit dem Missbrauchsskandal verbundene Lernchance verpasst. Die Kirche befinde sich «in der moralischen Insolvenz», schreibt Schlemmer in der neuen Ausgabe der Bistumszeitung «Würzburger Katholisches Sonntagsblatt». Die Gesellschaft brauche aber eine Kirche, «die reift und Neues aus dem Grab steigen lässt».
Das aktuelle «Desaster» hat nach Schlemmers Auffassung systemische Gründe. Er fürchte sehr, dass sich die Kirche der Frage nach den Fehlern in ihrem System verweigere. Der Priester rief zum Widerstand gegen Kräfte in der Kirche auf, «die alles bagatellisieren und so weitermachen wollen wie bisher». Dies würde die Missbrauchsopfer aufs Neue demütigen.
Der Theologe schreibt, die Kirche müsse «endlich den Mut fassen, über ihre rigide Sexualmoral gründlich nachzudenken und aus deren Pathologie der Unterdrückung der menschlichen Geschlechtlichkeit den Exodus zu wagen». Im Grunde wirke in der Kirche immer noch eine Jahrhunderte alte Angst vor Sexualität nach. Sie müsse sich aber «von der Vorstellung verabschieden, dass Lust und Erotik gefährliche Tiere sind, die in den Käfig der genauen Vorschriften eingesperrt werden müssen».
Schlemmer plädierte für eine kirchliche Sexualmoral, die jeder Prüderie, aber auch jeder Grenzüberschreitung entgegenwirke. Sie sollte eine «Kultur der Achtsamkeit vor dem Intimen der körperlichen Liebe pflegen» und sich zugleich gegen eine «Sexualisierung ohne Menschlichkeit» einsetzen. Dann würde sie auch wieder von psychotherapeutischen Fachleuten ernst genommen.
In dem Autorenbeitrag beschreibt Schlemmer, wie er 1949 von seinen Eltern wegen Schulproblemen von Nürnberg aus auf das Internat der Benediktiner im niederbayerischen Metten geschickt wurde. Dies habe zwar seine Leistungen im Gymnasium wieder stabilisiert. Von einem Pater, der Internatspräfekt gewesen sei, habe er aber für «kleinste Kleinigkeiten» grausame Ohrfeigen und Stockschläge auf das nackte Gesäß erhalten. Diese Hiebe hätten ihn «zutiefst innerlich verletzt». Auch er habe über diese Erfahrungen jahrzehntelang geschwiegen.