Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Einzelansicht
München (KNA) Der Kriminologe Christian Pfeiffer hat der katholischen Kirche empfohlen, eine Hotline für pädophile Priester einzurichten. «Potenzielle Täter brauchen Hilfe», schreibt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in einem Autorenbeitrag für die «Süddeutsche Zeitung» (Montag). Die Kirche könnte dabei mit der Charite in Berlin zusammenarbeiten, wo es seit 2005 ein solches Angebot für pädophile Männer gebe. Diese erhielten dort anonym eine kostenlose Beratung und therapeutische Hilfe, selbst wenn sie bereits Missbrauchstäter geworden seien.
Zur Stärkung der Prävention sollte die Kirche außerdem alles unternehmen, was die Anzeigebereitschaft der Opfer fördere, so Pfeiffer. Potenzielle Täter fürchteten am meisten, entdeckt zu werden. Eine Möglichkeit wäre, dass alle Schüler, auch an katholischen Schulen, unter ihren Lehrern eine Vertrauensperson als Ansprechpartner für sexuellen Missbrauch wählten. Diese müsste dann fortgebildet werden.
Der Experte attestierte der katholischen Kirche einen «respektablen Kurswechsel» beim Umgang mit Tätern und Opfern. Dieser müsse nun konsequent umgesetzt werden. Dazu gehöre auch eine empirische Überprüfung der These, ob der Zölibat bei nicht pädophil veranlagten Priestern sexuelle Übergriffe gegen Kinder «gleichsam als Ersatzhandlung» provozieren könne. Zu dieser wichtigen Frage gebe es bisher keine Untersuchung.
Pfeiffer widersprach zugleich dem Eindruck, dass Priester massenhaft Missbrauchstäter seien. Dem stehe die Kriminalitätsstatistik entgegen, die für die vergangenen 15 Jahre nur 0,1 Prozent der Tatverdächtigen als katholische Geistliche ausweise. Selbst bei einer vermutlich hohen Dunkelziffer käme man auf lediglich drei Promille. «Die katholische Kirche hat also gegenwärtig kein primär quantitatives, sondern vor allem ein qualitatives Problem», so das Fazit des Kriminologen.