Bonn (KNA) Ein Jahr nach dem Amoklauf an der Albertville-Realschule in Winnenden haben Politik, Polizei und Verbände zu besserer Gewaltvorbeugung aufgerufen. Zum Jahrestag am heutigen Donnerstag gab es zugleich eine neue Debatte über schärfere Waffengesetze. Nach Einschätzung des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) hat sich die Sicherheit an deutschen Schulen nicht verbessert.
Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), sagte am Donnerstag in Berlin, es müssten alle Anstrengungen unternommen werden, um solche Gewalttaten zu verhindern. Dies könne nicht allein durch die einzelne Schule geleistet werden, sondern bedürfe der Unterstützung der Gesellschaft.
Neben der Zusammenarbeit mit dem Elternhaus sei eine Kooperation von Schulen mit Einrichtungen der Jugendhilfe oder der Polizei ebenso erforderlich wie die Beteiligung an lokalen Netzwerken gegen Gewalt. Spaenle betonte, verschiedene Maßnahmen zur Gewaltvermeidung seien bereits auf den Weg gebracht worden. So gebe es unter anderem spezielle Notfallpläne. Außerdem werde an vielen Schulen der Umgang mit Gefahrensituationen geprobt.
Unterdessen schlug der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) Alarm. Der BDK-Vorsitzende Klaus Jansen sagte der «Osnabrücker Zeitung», Notfallpläne und Alarmsysteme an Schulen bestünden häufig nur auf dem Papier. «Ohne regelmäßige Amoktrainings durch die Polizei helfen die besten Notfallpläne nichts.»
Jansen warf der Politik vor, sie habe «vor der Waffenlobby kapituliert». Noch immer seien schwere Waffen in Privathand legal, noch immer dürften Waffe und Munition in derselben Wohnung aufbewahrt werden. «Das Hobby des Schießsports hat in Deutschland nach wie vor Vorrang vor Menschenleben», so Jansen. Zudem seien Waffen zu leicht zugänglich. Stichproben hätten ergeben, dass über die Hälfte der Waffenbesitzer ihre Pistolen und Munition nicht wie vorgeschrieben unter Verschluss hielten.
Auch der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann sieht eine klare Zunahme der Jugendgewalt in Deutschland. Im TV-Sender Phoenix betonte er, gewalttätige Kinder seien jedoch «nicht so auf die Welt gekommen». Gleichzeitig plädierte er dafür, den Jugendlichen statt mit Strafe mit Zuneigung zu begegnen. «Liebe ist das einzige Präventionsprogramm, das wir organisieren und gestalten müssen», so Bergmann.
Dafür, die Handlungskompetenzen staatlicher Institutionen zu stärken, sprach sich die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig aus. «Die Laissez-faire-Strukturen sind überholt», so die Richterin aus Berlin-Neukölln. Stattdessen müsse der Staat beispielsweise in der Lage sein, nicht-strafmündige Täter aus den Familien herauszunehmen. Besonders in sozialen Brennpunkten müssten repressive Maßnahmen bei den Eltern ansetzen, so die Richterin aus Berlin-Neukölln.