Auch in Zeiten wirtschaftlicher und politischer Krisen bietet die Christliche Gesellschaftslehre hilfreiche Ansätze zu ihrer Bewältigung. Denn sie geht vom Grundgedanken einer „sozialen Ordnung“ aus. Ihre Prinzipien sind Regeln für eine vernünftige Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Überall dort, wo Sozial-, Rechts- und Wirtschaftsordnung sich an den Prinzipien der Personalität, Solidarität, Subsidiarität, Nachhaltigkeit und des Gemeinwohls orientieren, ist die Wahrscheinlich groß, dass das Ideal der sozialen Gerechtigkeit erreicht werden kann.
Wie lassen sich die Prinzipien der Gesellschaftslehre nun im Einzelnen beschreiben?
Personalität
Sie betont die Verantwortung des Einzelnen. Ich bin verpflichtet, mich zunächst mit den mir gegebenen Möglichkeiten selbst zu bemühen. Das ist die Grundprämisse der Personalität. Der Mensch wird, so beschreibt es der ehemalige Kölner Kardinal Höffner, „als Original geboren, auch wenn er oft als Kopie endet.“ Er bezeichnet die menschliche Person als Träger ihres Denkens, Handelns und Unterlassens. Der Mensch ist „Herr seiner selbst“. Er hat die Willensfreiheit, auch falsche Entscheidungen zu treffen, die Teil seiner Lebensgeschichte bleiben.
Im System der Christlichen Gesellschaftslehre ist der Mensch aber eben nicht der Individualist, der auf sich allein gestellt ist. Der Einzelne bewegt sich immer in der Gesellschaft und die sagt ihm: „Du bist nicht allein. Wenn du nicht mehr weiterkannst, wirst du aufgefangen“.
Solidarität
Solidarität wird in Zeiten von Krisen immer schnell beschworen. „Wir müssen in Europa solidarisch sein“, heißt dort, wo es wirtschaftlich eng wird. Unter dem Blickwinkel der Personalität zeigt sich allerdings, dass hier die Verpflichtung des Einzelnen (auch Staates) besteht, sich erst einmal selbst zu bemühen und alle Anstrengungen zu treffen, die ihm möglich sind.
Solidarität beschreibt dabei die Verpflichtung der Einzelnen untereinander, aber auch die Verpflichtung der Einzelnen für die Gesamtheit und umgekehrt, der Gesamtheit für den Einzelnen. Das Wohl jedes Einzelwohl und das Gemeinwohl bedingen einander. Wir sitzen alle in einem Boot.
Solidarität kann allerdings auch erzwungen werden. Die Solidarbeiträge, mit denen jeder Sozialstaat finanzierbar wird, sind keine Spenden, die der Einzelne aus Mildtätigkeit und Wohlwollen für die Gemeinschaft gibt. Hier wird Solidarität zur Pflicht gemacht. Der Staat fordert zum Wohle der Gesamtheit vom Einzelnen ein finanzielles Opfer.
Solidarität heißt aber auch, den Staat nicht über das Gebotene hinaus in Anspruch zu nehmen.
Insoweit hängen Solidarität und Subsidiarität eng zusammen. Eine gerechte Gesellschaft baut auf den beiden sich ergänzenden Prinzipien der Solidarität und der Subsidiarität auf. Sie bringen zum Ausdruck, dass der Mensch eine einmalige Person und als solche zugleich ein soziales Wesen ist“, so heißt es im gemeinsamen Sozialwort der katholischen und evangelischen Kirche aus dem Jahre 1997.
Subsidiarität
Der Subsidiaritätsgrundsatz besagt, die Eigenverantwortung vor staatlichem Handeln steht. Ehe also die Solidarität der Gemeinschaft in Anspruch genommen wird, soll der Einzelne sich nach Kräften bemühen. Das ist ein Ausfluss des Personalitätsprinzips und zeigt, dass die Prinzipien der Gesellschaftslehre eng ineinandergreifen. Der Subsidiaritätsgedanke tritt also unter der Bedingung ein, dass das untergeordnete Glied in der Lage ist, die Probleme und Aufgaben eigenständig zu lösen. Das schwächere Glied der Kette darf dabei aber nicht überfordert, benachteiligt oder ausgenutzt werden. Die übergeordnete Ebene wird unterstützend tätig werden
Für die Politik bedeutet dies, dass bei staatlichen Aufgaben zuerst lokale Glieder für die Lösung und Umsetzung zuständig sind und übergeordnete Glieder zurückzustehen haben.
In der Europäischen Union dient das Subsidiaritätsprinzip idealerweise dazu, die Organe der EU in der europäischen Gesetzgebung auf das Sinnvolle und Wesentliche zu beschränken. Es bedeutet aber auch, dass solidarische Leistungen erst dann erfolgen sollten, wenn eigene Anstrengungen erfolglos unternommen wurden.
Nachhaltigkeit
„Wir haben die Erde nur von unserer Kindern geliehen.“ Dieser Satz bringt das Thema der Nachhaltigkeit auf den Punkt. Bei allem sozialen und politischen Handeln darf ich nicht vergessen, mein Tun an seinen Folgen für die nachfolgenden Generationen zu messen.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Atomernergie. Sie zu nutzen mag vielen lange als die beste Lösung erschienen sein. Wenn kein aktuelles Unglück passierte, galt sie als saubere, gut verwertbare und kostengünstige Energie. Unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit wurde dabei allerdings der Atommüll, der noch viele nachfolgende Generationen belastete, außer Acht gelassen.
Das Gleiche gilt für die immense Staatsverschuldung. Wir machen Schulden, damit es uns heute gut geht und die nachfolgenden Generationen müssen dafür bezahlen.
Das Prinzip der Nachhaltigkeit gebietet uns eben nicht nur auf unser eigenes Wohlergehen zu schauen, sondern auch im Blick zu haben, dass sich die Erde auch nach uns noch weiter drehen sollte.
Gemeinwohl
„Gemeinwohl ist die Summe aller jener Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, die den einzelnen, den Familien und gesellschaftlichen Gruppen ihre eigene Vervollkommnung voller und ungehindert zu erreichen gestattet“ (gaudium et spes, S. 74).
Entscheidend ist die Erkenntnis, dass das System einer sozialen Ordnung nur dann funktioniert, wenn nicht Einzelinteressen und Gruppeninteressen unversöhnlich nebeneinander stehen, sondern sich im Einklang miteinander befinden. Das ist Aufgabe aller sozialstaatlichen Ordnung. Deshalb regelt unser Grundgesetz u.a. die Sozialpflichtigkeit des Eigentums.
Fazit:
Lebt der Einzelne nicht als egoistisches sondern der Gemeinschaft verpflichteter Mensch, handelt er dazu noch solidarisch und richtet sein Tun nicht an den Forderungen der Starken, sondern ganz besonders an den Möglichkeiten der Schwachen aus, dann kann unsere Gesellschaft ein menschlicheres Gesicht erhalten.
Das gilt auch für unseren Alltag. Wenn wir uns als einen Teil einer großen Ordnung verstehen, müssen wir uns selbst weniger wichtig nehmen. Dabei dürfen wir nicht immer blind auf das Heute schauen. Als Christen sollten wir im Blick halten, dass wir die Erde nur von unseren Kindern geliehen haben. Bei allem, was wir tun, müssen wir daher Schäden für künftige Generationen verhindern.
Die Prinzipien der christlichen Gesellschaftslehre fordern uns alle. Jeder muss sich mit seinen Stärken und Schwächen in das „Gesamtkunstwerk Menschheit“ einbringen. Dann kann unser Zusammenleben gelingen