Gänsehaut, Gebete und jede Menge Gerüchte
Nach der unnachahmlichen und jahrhundertealten Dramaturgie des Vatikans, die kein Drehbuchautor spannender gestalten könnte, wird es von nun an noch etwa eine Dreiviertelstunde dauern bis zum ersten Auftritt des neuen Oberhauptes der katholischen Kirche. Erst dann wird man überhaupt wissen, um wen es sich handelt. Es ist die Zeit für Gänsehaut, ein letztes Gebet für den neuen unbekannten Papst – und natürlich für jede Menge Gerüchte: Im Vorfeld wurde immer wieder darüber spekuliert, dass Kardinaldekan Joseph Ratzinger und der italienische Kardinal Carlo Maria Martini Favoriten auf das Papstamt seien. Bedeutet ein kurzes Konklave, dass es einer von diesen beiden geworden ist?
Um 18.10 Uhr beginnen die Glocken des Petersdomes zu läuten – zum ersten Mal nach einer erfolgreichen Papstwahl. Diese Neuerung hatte Papst Johannes Paul II. eingeführt. Tausende strömen nun die Via Conciliazione hinunter auf den Petersplatz.
Um 18.43 Uhr ist es so weit: Die Tür der Benediktionsloggia in der Mitte des Petersdomes öffnet sich, Jubel brandet auf. Heraus tritt der chilenische Kardinalprotodiakon Jorge Medina Estevez. Er spricht die legendären Worte: „Annuntio vobis gaudium magnum: Habemus papam!“ – „Ich verkünde euch eine große Freude: Wir haben einen Papst!“ Die Menge auf dem Petersplatz tobt. Estevez macht eine lange Pause von 20 Sekunden und fährt dann fort: „Reverendissimum Dominum Josephum …“ Der Kardinalprotodiakon wird erneut von stürmischem Applaus unterbrochen, schon jetzt ist klar: Es kann nur ein Joseph sein. „… Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Ratzinger!“ Nun kennt der Jubel der Menge keine Grenzen mehr. Dann fügt Estevez noch an, welchen Namen sich Kardinal Ratzinger als Papst gegeben hat: Benedikt XVI. Die Sensation ist perfekt: Nach 482 Jahren kommt wieder ein Papst aus Deutschland!
Einige Minuten später tritt der neue Papst auf die Loggia: Benedikt XVI. Er lächelt, ein wenig schüchtern, entspannt. Es ist ein anderes Gesicht, in das man blickt. Konzentriert und kontrolliert hatte Ratzinger als Kardinaldekan die Trauerfeierlichkeiten für Papst Johannes Paul II. zelebriert, die Sitzungen des Kardinalskollegiums geleitet und das Konklave eröffnet. Nun steht er als Papst über den 300.000 Gläubigen auf dem Petersplatz und inmitten von stürmischem Applaus. Er winkt mit gefalteten Händen in die Menge. Dann spricht er – direkt in die Herzen derer, die auf ihn gewartet haben: „Nach dem großartigen Papst Johannes Paul II. haben mich die Kardinäle gewählt als einfachen, demütigen Arbeiter im Weinberg des Herrn.“ Das sind genau die richtigen Worte für den Nachfolger eines der populärsten Päpste aller Zeiten.
„Große Freude und auch ein wenig Stolz“
Benedikt XVI. spendet erstmals den Segen „Urbi et Orbi“. Er winkt ohne Pause. Er lächelt. Auf dem Petersplatz unten stimmen sie den Sprechgesang an: „Beee-ne-det-to! Beee-ne-det-to!“
Glückwünsche aus aller Welt treffen im Vatikan ein. Besonders in Deutschland ist die Freude riesengroß. Bundespräsident Horst Köhler sagt, die Wahl „erfüllt uns mit großer Freude und auch ein wenig Stolz“. Bundeskanzler Gerhard Schröder spricht von einer „großen Ehre für Deutschland“. Marktl am Inn, wo Joseph Ratzinger 1927 geboren wurde, ist völlig aus dem Häuschen. Hier gibt es seit Tagen mehr Medienleute als Einwohner, der Bürgermeister schenkt Freibier aus und gibt Interviews auf Englisch. Es ist wieder einmal die „Bild“-Zeitung, die die Gemütslage der Deutschen am Tag darauf in drei Worte fasst: „Wir sind Papst!“
Für Papst Benedikt XVI. beginnt ein straffes Programm. Am Morgen nach der Wahl zelebriert er seinen ersten Gottesdienst als Papst mit den Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle. In der Glaubenskongregation verabschiedet er sich von seinen langjährigen Mitarbeitern. Er besichtigt die päpstlichen Privatgemächer im Apostolischen Palast, die nun renoviert werden. Dazwischen nimmt er immer wieder ein Bad in der Menge. Der direkte Kontakt zu so vielen Menschen ist neu für ihn, und es scheint ihm zu gefallen. Er winkt aus der gepanzerten Mercedes-S-Klasse mit dem Kennzeichen SCV 1. Er segnet Kinder. Die Menschen sind begeistert.
Vor über 200 Monarchen, Staats- und Regierungschefs, 300.000 Gläubigen auf dem Petersplatz und Millionen via TV wird Benedikt XVI. am Sonntag, dem 24. April 2005, offiziell in sein Amt eingeführt und mit den päpstlichen Insignien ausgestattet: dem Pallium, einer wollenen Stola, und dem Fischerring. Und wie schon in den vergangenen Tagen macht der neue Papst deutlich, dass er seinen Weg in der Nachfolge von Johannes Paul II. sieht. Er beendet seine Predigt mit jenen Worten, die Karol Wojtyla vor mehr als 26 Jahren bei seiner Wahl zum Papst den Menschen zugerufen hat: „Öffnet, reißt die Türen auf für Christus!“
André Lorenz