Die katholische Erlebniswelt, Papst und Kirche: Besuch in Bayern

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Donnerstag, 24. Mai 2012 Dagmar, Ester
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Besuch in Bayern

 

Benedikt XVI. besucht seine Heimat

„Mein Herz schlägt bayerisch!“

Bayern feiert sich selbst und „seinen“ Papst Benedikt XVI.
Impressionen aus sechs Tagen in weiß-blau

Willkommen, Heiliger Vater: Begeisterte Gläubige beobachten, wie Benedikt XVI. auf dem Münchner Flughafen zwei bayerische Trachtenkinder begrüßt (Fotos: Daniel Biskup)

Papst Benedikt XVI. ist noch keine Viertelstunde auf bayerischem Boden, da wird deutlich, dass dieser Besuch etwas ganz Besonderes werden würde. Das Stabsmusikkorps der Bundeswehr hatte gerade die vatikanische Hymne gespielt und das Deutschlandlied, wie das eben so üblich ist, wenn Staatsgäste mit militärischen Ehren empfangen werden. Und nun erklingt – die Bayernhymne.
Nirgends sonst sind Brauchtum, Tradition und katholischer Glaube so eng miteinander verbunden wie in Bayern. Man erkennt das am Namen der politisch unangefochtenen CSU oder an den meisten kirchlichen Feiertagen in Deutschland oder an Landstrichen, in denen neun von zehn Bewohnern katholisch sind, oder auch in der Landeshauptstadt München, der Stadt mit den meisten Klöstern außerhalb von Rom. Und natürlich an der Bayernhymne, die mit den Worten beginnt: Gott mit dir, du Land der Bayern …

Ein weiß-blaues Fahnenmeer unter einem ebensolchen Himmel

Den Heiligen Vater empfängt am Flughafen München ein weiß-blaues Fahnenmeer unter einem ebensolchen Himmel. Männer, Frauen und Kinder in den unterschiedlichsten Trachten haben sich zum Willkommen aufgestellt. Mit Plakaten grüßen sie aus Pentling, aus Tittmoning, aus Aschau. Ergriffen hören sie die ersten Worte „ihres“ Papstes: „Bewegten Herzens betrete ich heute zum ersten Mal nach meiner Erhebung auf den Stuhl Petri bayerischen deutschen Boden. Ich kehre in meine Heimat, zu meinen Landsleuten zurück in der Absicht, einige Orte zu besuchen, die in meinem Leben eine grundlegende Bedeutung hatten.“
Der erste ist der Münchner Marienplatz, und wenn es einen Ort gibt, der die rasante kirchliche Karriere des Joseph Ratzinger auf wenigen Quadratmetern verdichtet, dann ist es die Mariensäule an einem der schönsten Plätze Europas: Hier betete er 1977 zum ersten Mal nach seiner Weihe zum Erzbischof von München und Freising, und hier tat er es wieder, als er sich aus München verabschiedete, um dem Ruf nach Rom zu folgen. Es ist bezeichnend, dass ihn sein erster Weg hierher führt. Und was 12.000 Menschen auf dem engen Platz und viele tausend Menschen im Fernsehen verfolgen können, ist die perfekte Symbiose aus katholisch und bayerisch. Kardinal Wetter weint.
Alle lachen, als Benedikt XVI. von dem in Rom freigelassenen Bären des heiligen Korbinian erzählt und anfügt, in seinem Fall habe der Herr anders entschieden. Und dann – zum zweiten Mal an diesem Tag – die Bayernhymne, die der Papst auswendig mitsingt, zumindest bis zur dritten Strophe, bei der sich die Beobachter dann fragen, ob der bayerische Papst nicht mehr ganz textsicher ist oder einfach nur völlig überwältigt. Angela Merkel jedenfalls singt in der ersten Reihe noch kräftig mit. Gott mit dir, du Land der Bayern …

Und dann "Weißt du, wie viel Sternlein stehen?"

Eine ganz besondere Stimmung breitet sich über dem Marienplatz aus, die darin gipfelt, dass man das lange nicht gehörte Kinderlied „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?“ plötzlich als völlig selbstverständlichen musikalischen Abschluss dieser ersten Begegnung mit dem Papst erachtet.
Kein Moment dieser päpstlichen Reise vergeht ohne spezielle bayerische Note, nicht einmal das offizielle politische Treffen des vatikanischen Staatsoberhauptes mit Bundespräsident, Bundeskanzlerin und Ministerpräsident in der Münchner Residenz. Als der Papst nach Ende der Vier-Augen-Gespräche an Stoibers Seite wieder den prächtigen Gang mit der Wittelsbacher Ahnengalerie hinabschreitet, hat sich bereits das Ensemble Berger aus Oberaudorf in Position gebracht, um dem Heiligen Vater ein Kirchenlied aus Kindertagen zu Gehör zu bringen. Draußen, vor der Residenz, die Parade sämtlicher 42 Gebirgsschützenkompanien, und auch das geht nur in Bayern, dass neben dem Ehepaar Stoiber und Kardinal Wetter Karl Steininger den Papst zum Papamobil begleitet. Steininger ist Landeshauptmann der Gebirgsschützen.
Benedikt XVI. ist eine dankbare Projektionsfläche für die vielfältigen Ausprägungen dessen, was Bayern ausmacht. Auch in Rom ist er immer ein Bayer geblieben. Er bekennt: „Mein Herz schlägt bayerisch.“ Und er ist ja eben nicht nur Marktler oder Traunsteiner oder Münchner, sondern er gibt vielen Menschen an vielen Orten das Gefühl, dass er einer von ihnen sei. Benedikt XVI. ist einer für ganz Bayern. Zur Begrüßung in Altötting etwa sagte der Passauer Bischof Wilhelm Schraml: „In diesen Tagen, Heiliger Vater, wo Sie in Bayern unterwegs sind, wird jeder Bischof bei seiner Begrüßung zu Recht sagen: Hier sind Sie daheim. Wir Passauer dürfen mit Stolz daran erinnern, dass Sie in unserer Diözese geboren sind.“

Völlig außer sich suchen Bürger in Marktl den Kontakt zu Papst Benedikt XVI. (Foto: Daniel Biskup)

Nun ja, gerade am Geburtsort des Papstes, in Marktl am Inn, lässt sich an diesem Tag wie auch an allen anderen Tagen seit der Papstwahl besichtigen, dass es nicht nur Stolz ist, der die Menschen hier antreibt, sondern auch ein ausgeprägter Sinn fürs Geschäft: Zur bayerischen Tradition neueren Datums zählen nun auch Papstbier, Vatikanbrot, Benedikt-Torten, Süße Mitras und allerlei Versuchungen mehr. Ohne Zweifel: Marktl am Inn floriert, und der Papst wird ins Goldene Buch diesen bemerkenswerten Satz schreiben: „Der Herr segne diesen mir so teuren Ort.“
Weiter geht es nach Regensburg, und auch hier ist der Papst natürlich zu Hause, vielleicht mehr noch als an jedem anderen Ort: Als Joseph Ratzinger im Jahr 1969 als Professor nach Regensburg berufen wurde und dachte, hier würde nun seine neue Heimat werden, ließ er sich im nahen Pentling ein Haus bauen. Die Karriere verlief aber bekanntermaßen anders, und so war das Haus in Pentling zumindest als Alterssitz geplant. Nun reicht es hier während dieses Besuches zu einigen wenigen privaten Stunden.

Immer öfter schüttelt der Papst das Protokoll ab

Wie sehr diese Reise, diese Rückkehr zu seinen Wurzeln, Benedikt XVI. gut tut, lässt sich jeden Tag besser beobachten. Es ist dieses intensive Strahlen in seinem Blick, dieses kleine Lächeln in seinen Mundwinkeln, das man so nicht oft gesehen hat beim Heiligen Vater. Immer öfter schüttelt er das Protokoll ab, genießt den Kontakt zu seinen Landsleuten, und es ist immer wieder überraschend zu sehen, wie viele dieser ungezählten Menschen er tatsächlich zu kennen scheint. Die Veränderung, die in diesen Tagen bei Papst Benedikt XVI. passiert, wird am deutlichsten am Schlusstag im Freisinger Dom, als er den denkwürdigen Satz sagt: „Ich habe auch heute wieder eine große Predigt mitgebracht, aber ich möchte sie nicht vorlesen. Man kann sie ja, wenn man möchte, auch gedruckt sehen.“
Der Abschied von Papst Benedikt XVI. auf dem Münchner Flughafen gerät am sechsten Tag schließlich zu einem letzten, wehmütigen Einblick ins bayerische Gefühlsleben. Ein sichtlich stolzer Ministerpräsident Stoiber findet herzliche Worte, es verabschiedet sich neben vielen anderen auch Otto Dufter, der Vorsitzende des Bayerischen Trachtenverbandes, es singt der Tölzer Knabenchor, und zuletzt ist es der Heilige Vater selbst, der unter erneut weiß-blauem Himmel seine Heimat segnet und dabei nur die Bayernhymne zitieren muss: Gott mit dir, du Land der Bayern …
Am Tag nach der Rückkehr von Papst Benedikt XVI. nach Rom hat in Bayern zum ersten Mal seit einer Woche die Sonne aufgehört zu scheinen.

André Lorenz

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